Heinz Geuen, Rektor der Kölner Hochschule für Musik und Tanz, antwortet auf die Kritik an der künstlerischen Ausbildung deutscher Musikhochschulen.

Text · Datum 5.9.2018

»Wir müssen zu einem neuen Studienbegriff finden«, sagte Esther Bishop, Projektkoordinatorin des Programms »Lehre hoch n« der Töpfer-Stiftung, letzte Woche im VAN-Interview und warf einen kritischen Blick auf die künstlerische Ausbildung an deutschen Musikhochschulen: Die Ausbildungsschwerpunkte entsprächen nicht den Veränderungen des Musikmarkts und der Diversität der Musikberufe, das künstlerische Hauptfach sei nach wie vor eine Blackbox. Heinz Geuen, Rektor der Hochschule für Musik und Tanz Köln, widerspricht: Der »neue Studienbegriff« sei jetzt schon Gegenstand der täglichen Auseinandersetzung an vielen Musikhochschulen.

Foto © Christian Nielinger

Vielen Dank dafür, dass Sie sich in der letzten VAN-Ausgabe so intensiv mit der künstlerischen Ausbildung an Musikhochschulen befasst haben. Aus Sicht einer großen deutschen Musikhochschule, die ich seit mehr als fünf Jahren leite sowie als Mitglied des Vorstands des Netzwerks Musikhochschulen möchte ich doch gerne einige Sachverhalte geraderücken, die durch Esther Bishop meines Erachtens zu pauschal und zu verkürzt dargestellt wurden. Ich greife einige Punkte heraus:

  • Es trifft nicht zu, dass unsere Hochschulen von der »Welt der Freischaffenden« vollkommen abgekoppelt sind. Ich kann für meine Hochschule sagen, dass es im Gegenteil einen sehr regen Austausch gibt – regional und überregional – und sich viele Instrumentalstudierende und Absolventen kreativ und engagiert in eben dieser Szene bewegen. Dies betrifft sehr sichtbar neue und alte Musik sowie Jazz/Pop, aber durchaus auch den so genannten »klassischen« Sektor (Kammermusik, Lied). Als Hochschule unterstützen wir dies durch Kooperationen in die verschiedenen Szenen hinein, durch Zusammenarbeit mit kommunalen Kulturträgern, durch Professionalisierungsangebote bei uns sowie durch die Unterstützung innovativer Konzert- und Vermittlungsformate. Hier engagieren sich vor allem viele Professorinnen und Professoen – nicht nur die Hochschulleitung.
  • Das viel zitierte Orchestersterben ist ja seit beinahe zehn Jahren quasi zum Stillstand gekommen (s. MIZ-Statistiken). Das ist also keine neue oder sich weiter verschärfende Situation. Ein »Überangebot« an Instrumentalstudierenden gibt es natürlich – und muss es geben. Künstlerische Berufe sind hochgradig kompetitiv und müssen es auch sein! Es wäre ein Albtraum, wenn wir nur passgenau »ausbilden« würden, also jetzt schon wissen, wer die Stelle als 2. Flöte in Rostock bekommen kann. Der »Überschuss« an Studierenden über den konkreten Bedarf in den Kulturorchestern hinaus ist aus Qualitätsgründen notwendig. Zudem gibt es ja auch ein ebenso nachvollziehbares Recht auf musikalische Bildung, so wie es Menschen gibt, denen das Recht nicht abgesprochen wird, Kunst, Philosophie oder Byzantinistik zu studieren.
  • In dem Interview empfinde ich einen gewissen Widerspruch darin, dass einerseits das Überangebot an Orchestermusiker*innen konstatiert wird, andererseits aber von der »gigantischen Diversität« von Musikberufen die Rede ist, die, wie Frau Bishop konzediert, natürlich nicht in Studiengängen abgebildet werden kann. Wenn man dem folgt (was ich tue), dann ist die daraus resultierende Schlussfolgerung aber alles andere als trivial: Für die Orchesterarbeit brauche ich nun mal Spezialisten – und Studierende wollen und sollen diese spezifischen Kompetenzen auch erwerben. Zugleich sollen (und müssen) Studiengänge im Sinne einer breiten Berufsbefähigung (»Employability«) polyvalent qualifizieren. (Übrigens machen reine Orchesterstudiengänge weniger als ein Drittel unseres Studienangebots aus.) Für die Curricula unsere Studiengänge bedeutet dies, dass Ausbildung und Bildung keine Gegensätze sein dürfen. Daher bieten wir Studierenden in unseren Professionalisierungsmodulen in der Tat verschiedene »Werkzeuge« an, damit sie sich als Musiker/innen weiterentwickeln oder sich für andere Bereiche weiterbilden können. Dass wir hier mehr tun könnten – wir dafür aber auch eine Befreiung von staatlichen Reglementierungen für Weiterbildungsstudiengänge bräuchten – gebe ich gerne zu. Es gilt also, in den Curricula eben diesen Spagat hinzubekommen: einerseits Berufsausbildung und Praxisnähe, andererseits Bildungsbezug und Werkzeugkasten für die freie Tätigkeit. Dies impliziert auch eine breite Einbindung in pädagogische Arbeitsfelder, womit nicht nur das Unterrichten gemeint ist (daran kommt zumindest in Köln wirklich kein Studierender vorbei). Der »neue Studienbegriff«, von dem Frau Bishop spricht, ist also gar nicht so neu. Denn schon jetzt ist er Gegenstand unserer täglichen Auseinandersetzung mit den Studienplänen und den Bildungsbiografien unserer Studierenden. Freilich kollidiert dieser doppelte Anspruch oft mit dem Wunsch, Studienpläne schlank und frei zu halten – eine Aufgabe, die Kompromissfähigkeit erfordert. Die Employability-Problematik nehmen wir also in eben diesem Sinne intensiv in den Blick, wobei ich konzediere, dass die Fachkulturen teils höchst divers sind und »konservierende« Traditionen in der Musikausbildung langlebig sein können.
  • Die Frage der Information über Berufsperspektiven ist in der Tat ein heikler Punkt. Frau Bishop spricht zurecht davon, dass Studierende – zumal zu Beginn ihres Studiums – hier nicht sehr empfänglich sind. Das ist biografisch nachvollziehbar, da man nun mal »spielen« will, wenn man es endlich geschafft hat, in einer Musikhochschule anzukommen. Ich denke, dass wir hier stärker postgradual unterwegs sein müssen und uns dezidierter im Weiterbildungsbereich engagieren sollten. Zwangsmaßnahmen bringen jedoch gar nichts.
  • Schlicht nicht verstanden habe ich, was Esther Bishop mit der Thematisierung von Musik als Kunst meint oder bezweckt. Zumindest habe ich die angedeutete wissenschaftliche Fragestellung nicht verstanden. Wenn die Frage der Unterscheidung von »Handwerk« als versiertes technisches Können und »Kunst« im Sinne von ästhetischem Gehalt gemeint sein sollte, so bildet doch genau dieser Konnex das bestimmende Kernelement der Bildungsarbeit an einer Musikhochschule. Wenn man die Frage eher in Richtung »Gebrauchswert« versus ästhetische Autonomie wendet, dann erscheint mir wichtig zu betonen, dass der vielgeschmähte »Elfenbeinturm« für die Musikausbildung genauso existentiell ist wie soziale Verantwortung und Reflexion der gesellschaftlichen Rolle von Musik. Es braucht eben beides! Und dies ist der, ich nenne es mal, »universitäre« Anspruch an eine Musikhochschule, die ja nun mal mehr ist als eine Einrichtung, in der Professor*innen Unterrichtszimmer zugeteilt bekommen.
  • Bezogen auf den künstlerischen Hauptfachunterricht hat sich sehr viel getan. Hier empfinde ich übrigens die zwanghafte Verkopplung mit der MeToo-Debatte nicht hilfreich (ich sage das vor dem Hintergrund einer intensiven Auseinandersetzung damit gerade in Köln, über die VAN schon berichtet hat). Der Fall Mauser war kein Fall des Übergriffs im Einzelunterricht, sondern der Fall eklatanten Machtmissbrauchs auf Leitungsebene. Das ist schlimm! Aber damit und den anderen bekannt gewordenen Fällen den kompletten Einzelunterricht zu diskreditieren, weil er womöglich ethisch bedenklich ist, kann ja wohl kaum die Konsequenz sein. Man sollte diesem diffusen Unterton, der in der aktuellen Debatte über Lehrkulturen an Musikhochschulen immer wieder spürbar wird, gerade in einer Debatte über die Qualität von Musikausbildung keine (ungewollte) Nahrung geben. Dass die bewusste und effektive Zuwendung zu den ethischen Grundlagen künstlerischer Lehre in das Zentrum einer Musikhochschule gehören, ist zudem in den deutschen Hochschulen Konsens.
  • Zurück aber zur Lehrkultur. Inzwischen ist der künstlerische Einzelunterricht an Musikhochschulen keinesfalls mehr durchgehend eine »Black Box«. Es gibt: Teamteaching innerhalb und zwischen verschiedenen Klassen, offene Unterrichtsformate, Feedbackformate, kollegiale Beratung und Hospitation, klassenübergreifende Projekte, Evaluationsgespräche – alles natürlich nicht flächendeckend, aber doch in erwähnenswertem Ausmaß. Dies wirkt sich übrigens auch hinsichtlich der Berufungspolitik aus, denn in den zahlreichen Verfahren, die ich selbst begleiten konnte, spielte Unterrichtsqualität immer eine deutlich höhere Rolle als Renommée auf dem Podium – wobei sich beides natürlich nicht ausschließt. Konkret heißt dies, dass diagnostische Kompetenz und Feedbackkultur, methodische Vielfalt, der Blick auf die individuellen Ressourcen der Studierenden sowie nicht zuletzt angemessene Ansprache der Studierenden und gendergerechtes Auftreten inzwischen zu den geforderten Standards gehören und dass manche im Musikbetrieb erfolgreichen Bewerber*innen genau daran scheitern.
  • Last but not least muss ich protestieren, wenn es heißt, dass es bislang keine Fort- und Weiterbildungsprogramme für Hochschullehrer*innen an Musikhochschulen gebe. Das Netzwerk Musikhochschulen, dem ich als Vorstandsmitglied für den Bereich Lehr- und Personalentwicklung angehöre, bietet seit mehr als fünf Jahren Fortbildungen an. Aktuell führen wir darüber hinaus ein Qualifizierungsprogramm »Lehrezertifikat« durch, das sich an universitären hochschuldidaktischen Standards orientiert. Wir haben sehr gut nachgefragte Summerschools mit hochschuldidaktischem Schwerpunkt. Einzelne Hochschulen, wie z.B. auch Köln, engagieren sich gezielt in Programmen für neu berufene Professor*innen. Zudem existieren viele lokale Initiativen und Kooperationen mit anderen Hochschulen im Bereich Hochschuldidaktik. Das Programm »Lehre hoch n«, das ich sehr schätze, steht also keinesfalls singulär da.

Ich betone noch einmal meine Freude darüber, dass die Hochschulausbildung im Fach Musik so prominent in VAN platziert wurde. Gleichwohl finde ich es aber wichtig, hier nicht nur alte Feindbilder zu pflegen, sondern die komplexen und höchst divergenten Zielsetzungen, denen sich Musikhochschulen in Deutschland stellen, differenziert zu betrachten und zu würdigen. ¶