Titelbild Freiburger Barockorchester

Petra Müllejans ist Mitbegründerin des Freiburger Barockorchesters und war jahrzehntelang in dessen Leitung aktiv, doch nun möchte sie auch wieder vermehrt Kammermusik machen und zurück zur Energie des unschuldigen Anfangs.

VAN: In der gerade zu Ende gegangenen Saison habt ihr mit dem Freiburger Barockorchester (FBO) euer dreißigjähriges Jubiläum gefeiert, und just zu diesem Zeitpunkt bist du aus der Künstlerischen Leitung ausgeschieden. Euer Baby FBO ist ja nun auch schon lange erwachsen. Wie siehst du die Entwicklung?

Petra Müllejans: Ja, das anfängliche Baby, wie du es genannt hast, hat alle Stadien durchlaufen, die Kinder beim Großwerden erleben. Es gab dabei Phasen von Auseinandersetzung, auch größeren Schwierigkeiten und natürlich vielen freudigen Momenten, Verliebtheiten. Man tut sich zusammen, man hat Krisen, man macht dieses und jenes durch. Das fühlt sich in so einem Orchester sehr ähnlich an. In unserem ist es auf jeden Fall so gewesen, dass es eine sehr familiäre Struktur hatte und auch immer noch hat. Dabei kommt man sich sehr nahe – was gute Seiten hat, man kann aber auch fürchterlich aneinandergeraten. Anders ist diese musikalische Arbeit über einen so langen Zeitraum jedoch gar nicht denkbar. Das hängt wie im richtigen Leben irgendwie zusammen.

Warum hast du jetzt aus der ersten Reihe einen Schritt zurück gemacht?

Ich bin ja quasi so eine Mutter, die von Anfang an dabei war. Gleichzeitig haben wir inzwischen auch schon sehr viel jüngere Mitglieder. Die Gründe dafür, dass ich letztlich den Entschluss gefasst habe, aus der Künstlerischen Leitung auszuscheiden, sind vielschichtig. Für mich war es auf jeden Fall wichtig, irgendwann loszulassen, und für das Orchester war es das ebenso. Das ist jetzt natürlich meine Einschätzung, meine Wertung. Es gibt einige Mitglieder, die sehen das anders, die hätten mich gern noch länger in der Leitung behalten, aber meine Sichtweise ist so.

Das Freiburger Barockorchester anno 1989, zwei Jahre nach der Gründung.

Du warst ja lange mit Deinem Orchester- und Geigerkollegen Gottfried von der Goltz zusammen. Trotz der privaten Trennung habt ihr noch sehr lange gemeinsam die Künstlerische Leitung beim FBO innegehabt, also bis vor einem Jahr, als dir Kristian Bezuidenhout nachgefolgt ist. Wie funktioniert dieses Patchwork?

(Lacht) Ja, das ist ein schönes Bild. In der Tat waren wir lange verheiratet und haben zwei wunderbare Kinder. Im Nachhinein würde ich sagen, dass wir das schon ganz gut gemacht haben. Natürlich hat es schwierige Zeiten gegeben. Auch ist klar, dass solche Spannungen an so einem Orchester nicht einfach vorbeigehen. Aber irgendwie war es im Orchester nie ein Thema, dass da irgendwas in Gefahr geraten würde. Das war neben unseren echten Kindern unser wichtigstes Kind. Wir sind uns zwar eine Zeit lang professionell ein bisschen mehr aus dem Weg gegangen, während wir unsere Kinder aber immer weiter gemeinsam betreut haben. Im Orchester haben wir uns die Leitungsposition geteilt und uns abwechselnd um die Kinder gekümmert, das ergab sich schon ein bisschen von selbst. Zudem haben wir einige Jahre die Programme im Orchester relativ strikt getrennt. Obwohl man eine gemeinsame Familie ist, herrscht zwischen zwei Geigern auch immer irgendwie Konkurrenz. Andernfalls wäre man ja ein Heiliger. Das Schöne ist aber, dass wir trotz allem gemeinsam drangeblieben sind und es sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt hat. Das war auch ein Teil dessen, worauf ich mich gefreut habe, wenn ich mal nicht mehr künstlerische Leiterin bin – und die Kinder auch schon längst aus dem Haus sind: Jetzt kann ich über meine Zeit viel freier verfügen. Ich kann selbst bestimmen, was ich spiele, bin nicht mehr so in der Pflicht. Und dass ich jetzt auch die Projekte mitmache, die Golle (Gottfried von der Goltz) leitet, macht mir einfach großen Spaß, genauso wie ihm.

Klingt fast zu schön…

Ist aber so! Auch in den spannungsreichsten Zeiten gab es, wenn wir zusammen Musik gemacht haben, immer eine Sprache, die uns nie verloren gegangen ist. Da verstehen wir uns nach wie vor blind. Es ist vielleicht ein blödes Wort, doch für mich ist das ein großes Geschenk. Unsere absolut oberste Priorität war aber in jedem Fall, dass wir das erstmal für unsere Kinder gut hinbekommen.

Die Kinder sind nun aus dem Haus, und auch ihr als Gründungsgeneration des Orchesters seid gereift. Macht das die gemeinsame Arbeit im FBO insgesamt leichter?

Wir sind im Umgang zwar sicher sehr viel erwachsener als früher, aber Musiker sind letztlich immer sehr empfindliche und sensible Wesen. Wir haben einen Beruf, der geht jedem an das absolut Tiefste und seelisch Wichtigste.

Wie lief es denn bei euch mit der Verjüngung? Stichwort Generationswechsel…

Das kam nach und nach, und zwar dadurch, dass wir anfangs nur sehr wenige Mitglieder hatten. Das waren erstmal sechs Geigen, zwei Bratschen, ein Cello, ein Bass und ein Cembalo. Dann haben wir befreundete Musiker als Aushilfen eingeladen. Wenn sich jemand über längere Zeit sehr gut einfügte, haben wir als feste Mitglieder entschieden, auch neue Gesellschafter aufzunehmen, um sowohl eine langfristige Bindung zu ermöglichen als auch Mitspracherechte zu vergeben. Uns als GbR-Gesellschaftern gehört ja das Orchester, das heißt, wir entscheiden alles selbst. Inzwischen sind wir 28 feste Mitglieder bzw. Gesellschafter. Durch die kontinuierliche Erweiterung gab es also bereits eine fließende Verjüngung. Jetzt steht aber allmählich ein größerer Wandel an. Beispielsweise hat sich unser Gründungsmitglied Christian Goosses zurückgezogen, so dass eine Bratschenstelle frei wird, die ganz neu zu besetzen ist. Solche Veränderungen stehen in den nächsten Jahren noch öfters an.

Du hast musikalisch ja schon immer viel nebenher gemacht. Für was hat sich zusätzlich Freiraum ergeben durch deinen Rückzug aus der Leitung?

Ein großes Herzensprojekt war 2017 Bachs Matthäus-Passion, die ich unbedingt mal reduziert spielen wollte, also jeweils nur solistisch besetzt und ohne Dirigent. Das haben wir in Freiburg mit dem Cembalisten Michael Behringer als Leiter der Continuo-Gruppe auf die Beine gestellt, selbst organisiert und ohne Gagen. Von den Einnahmen konnten wir immerhin die Kosten übernehmen für Reisen, Unterkünfte, Verpflegung, Plakatierung usw. Alles ganz idealistisch, eine echte Passion eben für alle Beteiligten. Jeder hat seine Zeit und Energie eingebracht, ganz ohne finanzielle Interessen.

Also nochmal zurück zum Anfang?

Irgendwie schon. Das ist etwas, was mir in den letzten Jahren auch klar geworden ist. Wir sind mit dem FBO ja finanziell gar nicht mal so abgesichert. Wir bekommen zwar einen Tagessatz, aber wir haben keine garantierten Einkommen, es hängt unmittelbar von unserer Aktivität ab. Das hält uns wach und ist auf eine gewisse Art gesund. Aber trotzdem war es in den ersten Jahren noch so, dass wir einfach drauflos geprobt haben, da gab es keine strengen Zeitpläne. Dann haben wir uns selbst immer mehr Regeln geschaffen und schließlich einen Gesellschaftsvertrag, was absolut nötig war…

So ist euer Orchester zu einem richtigen mittelständischen Betrieb geworden, der in der Nische im Weltmarkt mitmischt. Passt doch gut zum Ländle Baden-Württemberg.

Ja, das mit der Professionalisierung musste ja auch sein. Aber trotzdem ist mir jetzt wieder aufgefallen, wie idealistisch wir früher waren, als wir noch ganz viel Kammermusik gemacht haben und dafür überhaupt nichts bekamen. Da haben wir stunden-, tage- und wochenlang geprobt, die Konzerte selbst organisiert, das waren die intensivsten Erfahrungen. Und da waren wir auch nicht unbedingt am schlechtesten. In den Jahren, die ich jetzt noch aktiv spielen kann, möchte ich eigentlich genau dahin wieder zurück. Klar, ich muss auch weiter Geld verdienen, aber alles daneben möchte ich von anderen Ideen bestimmt wissen. Dazu gehört auch wieder ein Streichquartett mit Freunden aus dem FBO, mit dem wir dieses Frühjahr Haydns Die sieben letzten Worte sehr intensiv erarbeitet haben. Dann wollte ich immer mal Mendelssohns Oktett auf alten Instrumenten spielen und Streichquintette von Mozart, das steht nächstes Jahr an. Dafür ist dann auch Golle wieder dabei als erster Geiger, auch Mechthild Karkow, zudem haben wir einige von unseren Studenten gefragt, und ich spiele dann mal Bratsche. Die Musiker sind nicht nur aus unserem Freiburger Pool, sondern auch von weiter weg. Zudem wollen wir mehrere Generationen verbinden.

Du spielst doch auch noch in einer Tango- und Klezmerband, oder?

Genau, die feiert jetzt übrigens auch schon ihr zwanzigjähriges Jubiläum. Die Band wurde initiiert durch einen von Golles Brüdern, Bernhard von der Goltz, der ist Gitarrist in Würzburg. Er hatte mitbekommen, dass ich früher auch immer gerne sogenannte Unterhaltungsmusik gespielt habe. Als Jugendliche hatte ich in Düsseldorf auch eine Schrammelband, da haben wir auf der Straße Wiener Waltzer und solche Sachen gespielt. Das habe ich immer total gern gemacht. Bernhard brauchte jedenfalls für ein Konzert mit Saxophon und Cello und seiner Frau als Klezmer-Sängerin noch eine Geige. Wir haben dann einige Tage geprobt, das Konzert gespielt und dann war klar, dass wir das so weitermachen würden. Das war für mich immer wie eine Vitaminspritze, Sonnenkur und alles auf einmal.

Trotz allem bist du ja vor allem der Alte-Musik-Szene verhaftet, in der ihr mit dem FBO der zweiten oder dritten Generation der Originalklangbewegung im 20. Jahrhundert angehört. Interessieren dich nach all den Jahren eigentlich noch die Debatten innerhalb der Szene? Letztes Jahr gab es ja diese kleine Auseinandersetzung zur ›musikalischen Paradiesvogelscheiße‹, der Polemik von Reinhard Goebel…

Naja, diesbezüglich habe ich eigentlich kein so großes Sendungsbewusstsein. Ich bin auch überhaupt nicht der intellektuelle Typ, ich habe nicht mal ein Tausendstel gelesen von dem, was sich Reinhard oder viele andere Leute draufgeschafft haben. Das ist einfach nicht meine Welt. Natürlich habe ich manche Sachen gelesen, um die man nicht herumkommt, aber letztlich habe ich sehr viel mehr über Zuhören und Erfahrung gelernt, durch persönlichen Austausch. Zum Beispiel von jemandem wie Hille Perl, das geht immer weiter. Sobald ich mit ihr spiele, sind alle meine Sensoren geöffnet: Was macht sie, wie macht sie das, warum macht sie das? Das ist mehr meine Art, Dinge aufzunehmen. Man kann das verurteilen, es gibt sicher Kollegen, die das ganz falsch finden. Früher habe ich da auch etwas mit gehadert, aber inzwischen bin ich relativ ruhig geworden. Ich nehme das einfach so hin und glaube, dass ich manche Sachen trotzdem ganz schön mache. Ob etwas richtig oder falsch ist, dass wissen wir doch zum Glück alle nicht so genau. Diese Erkenntnis ist das Einzige, was ich quasi militant vertrete. Wenn ich mir die Szene angucke und die Ergebnisse bei Werken, die alle mal spielen oder aufnehmen – da gibt es so extreme Unterschiede in den Interpretationen von all diesen sehr viel beleseneren Menschen, als ich es bin, dass ich daraus nur ableiten kann: Die haben ja alle ungefähr dasselbe gelesen, offensichtlich scheint es in höchstem Maße von der individuellen Persönlichkeit abzuhängen, was da am Ende als klingendes Ergebnis herauskommt. Deswegen bin ich etwas allergisch gegenüber allem Dogmatismus. Wenn du glaubst, dass du der einzig Wahre bist, dann glaub das halt. Mich ermüdet das ganze Provozierenwollen ehrlich gesagt etwas.

Dein mediales Sendungsbewusstsein scheint nicht so ausgeprägt zu sein, zumal du weder eine eigene Webseite hast noch Social Media nutzt.

Ach, mein Leben ist so randvoll mit Spielen, Unterrichten und Familie. Wenn ich das noch anfinge, wäre es einfach zu viel. Und wahrscheinlich würde ich auch gleich süchtig werden, wenn ich immer sehen würde, was andere geschrieben haben. Dann wären die Nächte verloren, und eigentlich finde ich es auch gruselig. Vielleicht wird das ja mein Zeitvertreib, wenn ich mal nicht mehr spielen kann, aber bis dahin ist es nicht mein Ding. (lacht)

Wir sind uns ja letztes Jahr begegnet, weil du Bachs Sechs Sonaten für Violine und obligates Cembalo mit Sabine Bauer aufnehmen wolltest. Wie kam es dazu?

Sabine kenne ich schon sehr lange. Wir haben dann vor etwa zehn Jahren angefangen, gemeinsam zu spielen und uns auch regelmäßig mit diesen Sonaten befasst. Als wir dich auf eine mögliche Aufnahme angesprochen haben, kam noch die Idee dazu, auch die beiden Continuo-Sonaten zu machen. Bei den sechs Sonaten ist ja immer die Frage, wie man sie im Konzert oder auch auf Tonträgern aufteilt. Insofern passte es mit den beiden Continuo-Sonaten ideal, die jetzt jeweils die beiden Hälften des Programms einleiten. Das fügt sich stimmungsmäßig im doppelten Sinne sehr gut zusammen. Dazu kam dann mit Marie Deller am Cello noch eine Musikerin, die ich schon kenne, seit sie fünf Jahre alt war. Ihren Werdegang habe ich seitdem genau verfolgt und schon öfters mit ihr gespielt. Für uns war bald klar, dass wir die Aufnahmen in Köthen machen wollten, wo Bach die Sechs Sonaten geschrieben hat, wie auch sonst viel Instrumentalmusik wie etwa die Brandenburgischen Konzerte.

Sabine Bauer und Petra Müllejans bei der Aufnahme des aktuellen Bach-Albums in der Köthener Schlosskapelle • Foto © Christian Ratzel

Bei den Aufnahmen in Köthen hast du mir gesagt, dass du dich eigentlich nie so unfrei fühlst, wie bei Einspielungen. Warum tust du dir das an, jetzt wo du deine Freiheit doch so genießt?

(lacht) Stimmt, großer Widerspruch! Das liegt daran, dass Aufnehmen mit das Härteste ist, was es gibt. Das Tolle ist zwar, dass man hinterher ein schönes Produkt in den Händen halten kann, aber man wird nirgendwo gnadenloser vorgeführt und unter die Lupe genommen als bei Aufnahmen. Das stürzt eigentlich jeden Musiker zwischendurch in eine mittlere Sinnkrise. Bei mir ist es auch so, dass ich die Sonaten jetzt gerade wieder übe für übernächstes Wochenende. Und dann habe ich das Gefühl, dass ich schon wieder an einem völlig anderen Punkt bin und die Aufnahmen am liebsten nochmal machen würde…

»Mich ermüdet das ganze Provozierenwollen etwas.« Petra Müllejans in @vanmusik.

Kein Problem, dann machen wir es so wie Currentzis zuletzt mit dem Don Giovanni und stampfen alles ein. Fehlt nur noch ein Sponsor.

Genau! (lacht)

Jede Einspielung ist immer nur eine individuelle Momentaufnahme…

Diese Werke sind in jedem Stadium, in dem man sie spielt, in einem gewissen Stadium angekommen. Wenn wir sie vor zehn Jahren aufgenommen hätten, wäre das bestimmt eine gute Aufnahmen geworden, aber anders als heute. Und drei Tage später wahrscheinlich auch. Das ist beim Musikersein einfach so, das hört nie auf. Ich glaube, so lange man spielt und das liebt, was man tut, kann die Entwicklung nicht aufhören. Man probt und probt, und entdeckt doch jedesmal wieder etwas Neues. Das ist so unfassbar an diesen Stücken und überhaupt an Bach. Ich bin davon überzeugt, falls es die Welt in tausend Jahren noch gibt, dann wird das auch noch so sein. ¶

Sebastian Solte

... studierte Informationswirtschaft, Volkswirtschaftslehre und Musikwissenschaft. Er ist als Musikmanager tätig und gründete das Unternehmen bastille musique, das die Bereiche Künstleragentur, Live-Produktion und Plattenfirma kombiniert.