Wien, Karlsruhe, Berlin …  seit einigen Jahren vergeht kaum ein Monat, in dem nicht öffentlich über Vorwürfe des Machtmissbrauchs an deutschsprachigen Theatern diskutiert wird. Im Mittelpunkt steht dabei oft die Intendantenfigur, in der sich ein Hang zum Narzissmuss mit Machtfülle und Führungsunsicherheit auf ungute Weise zu vereinen scheinen.

Dass manch Intendant:in seinen Beruf verfehlt hat, liegt allerdings auch an denen, die ihm dazu verhalfen. Die Vergabe von Intendanzen scheint bisweilen einer skurrilen Pfadabhängigkeit zu folgen, basierend auf einem Missverständnis, um was es bei dem Job eigentlich geht. So ist das künstlerische Profil und die überregionale Strahlkraft eines Kandidaten im Zweifelsfall wichtiger als die Frage, ob jemand überhaupt Führungskompetenzen besitzt. Dass der »inszenierende Intendant« allerdings oft eher ungeeignet ist, eine komplexe Organisation mit vielen verschiedenen Arbeitsbereichen und -kulturen und in einem Umfeld widerstreitender Interessen zu leiten, wusste Paul Kornfeld schon 1930. Sein Aufsatz »Der Intendant«, erschienen in der Zeitschrift Das Tagebuch, sollte jeder Auswahlkommission zur vorbereitenden Pflichtlektüre gemacht werden, wenn es jetzt darum geht, das Verfahren zur Besetzung von Intendant:innenpositionen zu reformieren.

Paul Kornfeld (Public Domain) 

Kornfeld wurde 1889 in Prag geboren, bewegte sich dort zunächst im Freundeskreis von Max Brod, Franz Kafka und Franz Werfel und schrieb mit dem Drama Die Verführung (1913) ein Frühwerk des literarischen Expressionismus. Im Herbst 1914 siedelte er nach Frankfurt am Main über, wo Die Verführung 1917 am Schauspielhaus uraufgeführt wurde. 1925 ging Kornfeld als Dramaturg nach Berlin, zwei Jahre später wechselte er in der gleichen Funktion ans Theater in Darmstadt, welches er wegen antisemitischer Kritiken jedoch schon 1928 wieder verließ. Zurück in Berlin schrieb Kornfeld regelmäßig für das linksdemokratische und pazifistische Magazin Das Tagebuch, eine Konkurrenzzeitschrift von Carl von Ossietzkys »Die Weltbühne«, mit der es auch einige Autoren wie Brod und Egon Erwin Kisch teilte und sich später im Weltbühnenprozess verbündete.

Am Theater am Schiffbauerdamm wurde 1930 Kornfelds Tragödie Jud Süss mit großem Erfolg uraufgeführt. 1932 zog Kornfeld zurück nach Prag und nahm die Arbeit an seinem ersten Roman – Blanche oder Das Atelier im Garten – auf. Im Oktober 1941 wurde er von der SS inhaftiert und ins Ghetto Łódź deportiert, wo er im Frühjahr 1942 an Typhus starb.

Kornfeld schrieb den Aufsatz »Der Intendant« anlässlich der schwierigen Suche nach einem Nachfolger Leopold Jessners. Dessen 1919 begonnene Intendanz am Preußischen Staatstheater war von ständigen antisemitischen und reaktionär-nationalistischen Protesten begleitet, weshalb er Anfang 1930 seinen Posten aufgab. Am 11. Januar erschien dann Kornfelds Aufsatz. Dessen Gedanken zur hybriden Natur einer guten Intendanz sind gleichzeitig beeindruckend hellsichtig und ernüchternd zeitlos.


Paul Kornfeld (1889–1942)

Der Intendant

Es ist schwer zu sagen, in welchem Menschen der ideale oder auch nur der gute Intendant steckt. Denn für diesen Beruf gibt es ja keine Vorstufe, auf der Einer stehen und seine Eignung bewei­sen könnte. Die Ernennung von Jeßners Nachfolger muß unter allen Umständen ein Wagnis sein, aber man mache es ungefähr­licher, erhöhe die Chancen, daß es gelingt, wenigstens dadurch, daß man den richtigen Typus sucht. Man befreie sich gleich zu Anfang von dem Irrtum, daß man ihn unter den Regisseuren oder Schauspielern finden könnte. Zu glauben, daß ein Regisseur, der viele Stücke gut inszeniert hat, reif ist, zum Intendanten zu avancieren, ist genau so naiv und genau so falsch wie es die Mei­nung wäre, daß ein Schauspieler, der viele Rollen gut gespielt hat, nun so weit ist, Regisseur zu werden. Ganz abgesehen von der peinlichen Lage, die entsteht, wenn der Leiter eines Theaters zugleich der Konkurrent mancher seiner Schauspieler oder der Konkurrent seiner Regisseure ist, ganz abgesehen davon erfor­dert jede dieser Tätigkeiten einen anderen Menschen, eine andere psychische Struktur, eine andere Geisteshaltung, einen anderen Habitus. Man wird den guten Intendanten nur unter Menschen finden, die künstlerisch weder produktiv noch reproduktiv tätig sind. Was man von einem Intendanten erwarten muß: daß er innerhalb des Theaters über den Temperamenten steht, und, was die dramatische Produktion betrifft, um repräsentativ zu sein, über den Richtungen, nun, das verhältnismäßig Objektive eines Intendanten verträgt sich nicht mit dem Temperament und der Parteilichkeit, kurz, der viel größeren  Subjektivität, die nicht nur das gute Recht, sondern auch eine selbstverständliche Eigen­schaft des Regisseurs ist. Theoretisch mag es möglich sein, prak­tisch ist es undurchführbar, daß ein Mensch am Vormittag fünf oder sechs Stunden angestrengt und intensiv auf der Bühne tätig ist, mit allen Kräften, mit angespannten Nerven, und dann am Nachmittag während seiner Sprechstunde in aller Ruhe Konflikte aus der Welt schafft, dann mit dem Dramaturgen über die An­nahme eines Stückes spricht, seine Briefe diktiert und mit dem Verwaltungsdirektor   wohlüberlegt   über   die   Neuorganisierung des Abonnements konferiert. Jener Mensch am Vormittag kann nicht identisch sein mit dem am Nachmittag. Wollte man aber eine Fiktion aufrichten und sagen, daß es sich ja anders ergeben kann, daß er ja nur drei oder vier Monate Regisseur sein müßte und sich die übrige Zeit um so intensiver den lntendanzgeschäf­ten widmen könnte, dann wäre in einer Variation dasselbe zu erwidern: daß der Mensch des einen Monats nicht identisch sein kann mit dem des anderen. Denn es ist nicht eine Frage der Zeit­einteilung, sondern eine Frage des psychischen Organismus, der bei dem Leiter eines Theaters umfassender, den verschiedensten Tätigkeiten gewachsen sein und in Dingen der Kunst nicht produzierend, sondern, bei der Ensemble- und Repertoirebildung, sich vor allem wertend zeigen muß.

Daß dieses oder jenes Privattheater von einem Regisseur ge­leitet wird, darf niemanden irritieren: vom Staatstheater muß an künstlerischen Leistungen mehr erwartet werden, es ist kein Ensuite-Theater, das Repertoire darf nicht von der Lust des Di­rektors, dieses oder jenes Stück zu inszenieren, abhängen, und das Ensemble darf nicht jeweils für ein Stück aus allen Windrichtun­gen zusammengeklaubt werden. Denn schließlich müssen sich die Staatstheater von den Privattheatern nicht nur dadurch unter­scheiden, daß sie einen großen Beamtenstab unterhalten.

Wenn man von der herkömmlichen Art, Menschen in die Welt zu setzen, abgekommen und dazu übergegangen wäre, sie im La­boratorium oder in der Fabrik, in der Retorte oder im Kochtopf herzustellen, dann wäre es ganz bestimmt eine der schwierigsten Aufgaben, jene Mischung zustande zu bringen, die nach ihrer weiteren Behandlung einen Intendanten ergibt. Denn in solch einem Menschen sollen Elemente vereinigt sein, die sonst nicht miteinander vereinigt, die nicht einmal einander benachbart sind, Elemente, die einander widerstreben, fast einander fliehen. Ein Intendant muß ein künstlerischer Mensch sein, aber er muß auch von Geldgebarung viel verstehen, er muß ein energischer Organi­sator, zugleich ein geschickter und sanfter Diplomat sein, er muß in bezug auf den Bühnenapparat die gleichen Erfahrungen und Kenntnisse haben wie ein Regisseur, er muß aber auch seine Verwaltungsbeamten kontrollieren können, er muß den Typus des produktiven und reproduktiven, des nervösen, hitzigen, labi­len, des unbürgerlichen und vielleicht unordentlichen Menschen verstehen und lieben und darf doch selbst nicht zu diesem Typus gehören. Schauspieler, Dichter, Komponisten mögen zwar oft närrischer wirken, sind aber doch im Grunde einfache Elemen­tarprodukte der Natur neben solch einem komplizierten Zufalls­produkt.

Wenn unter den Provinzintendanten keiner ist, der der Nach­folger Jeßners werden könnte, dann werden die Instanzen, die ihn zu ernennen haben, nicht anders können als Phantasie und Menschenkenntnis aufzuwenden, um ihn zu finden; vielleicht finden sie ihn unter den Dramaturgen (Zeiß war viele Jahre Dramaturg, bevor er der ausgezeichnete Intendant wurde), viel­ leicht unter den Schriftstellern (wenn auch gewiß nicht unter den Dichtern), vielleicht unter den kritisch Tätigen. Sie werden Phan­tasie aufwenden müssen, um ihn aufzuspüren, diesen Mann, der kein Künstler sein soll, aber ein künstlerischer Mensch, der seiner Tätigkeit nach kein Theatermensch im engeren Sinn sein soll, aber sehr theaterkundig sein muß, der ein gewisses Organisations­talent hat, mit Menschen umgehen, nach vielen Seiten des Lebens sich wenden kann, kurz, einen höheren Typus des gebildeten viel­seitigen Weltmannes, der sich in der komplizierten und vielfälti­gen Welt des Theaters zurechtfindet und sie beherrscht. ¶

Erschienen in: Das Tagebuch, Jahrgang 11, Heft 2, 11.1.1930, S. 56–57.

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. Mehr von Hartmut Welscher