Die neueste Form der Gebrauchsmusik nennt sich Neoklassik. Spur einer Regression.

Text · Datum 29.7.2015

Es wabern die Begrifflichkeiten

Neo-Classical, Post-Rock, Modern Classical, Indie Classical. Künstler/innen müssen sich nicht in Begriffe einordnen. Aber verhindern, dass unter den Zuhörer/innen Landschaften entstehen, über die diese sich mit Landkarten verständigen, können sie auch nicht. Man spricht über Musik, um sich Dinge zu zeigen oder vorzuschlagen. Professionell, aber etwas grober und knalliger machen das PR- und Marketingabteilungen. Gerade, wenn es um ›Neoklassik‹ (Neoclassical) geht, geschieht das in manchmal verschwörerischem und eindringlichem Ton; diese Stilrichtung passe perfekt zu VAN: Neoklassik ist die neue Klassik, VAN ist ein neues Klassikmagazin, »ihr seid doch auch cool und leidenschaftlich«. »Seid ihr Neoklassik oder Core-Klassik?«, wurden wir mal von einer Plattenfirma gefragt. Die Frage vermittelte den Eindruck, als ob es hier um zwei grundsätzliche Zielgruppen, Musikrichtungen, Marketinstrategien geht.

What’s new?

Zwischen Chopin-Projekten, Minimal-Epigonen und Sounddesignern hat sich ein neues Genre aufgetan. In der braucht es dafür nur ein paar arpeggierte Klavierharmonien und einen netten jungen Mann. In erweiterter Form kann etwas sparsame Elektronik dazukommen, das Klavier könnte präpariert werden, vielleicht noch ein Kollaborationspartner (junger Mann). In der englischsprachigen Wikipedia-Definition spricht man übrigens von ›Neoclassical new-age music‹

Musik, die nicht direkt erzählen will, aber auch nicht reine Ambient-Musik sein will (unsere Playlist von Ólafur Arnalds bildet diesen Grat ab). Michael Nyman beim Soundtrack für The Piano und der Post-Punker Yann Thiersen für Die fabelhafte Welt der Amélie haben damit neoklassische Hits gelandet, gefühlvolle, vage wehmütige, endlos wiederholbare Themen. Musik, die nach vorne drängt, um dann demonstrativ träumend in der Ecke stehenzubleiben.

Während man sich mit dem Kauf von Amélie-Soundtracks oder The-PianoPartituren im Musikalienhandel gleich in Schubladen (»14 Jahre alt«, »vor 20 Jahren zuletzt im Kino«) steckt, bietet die sprachlose Schwelgerei aus der Electronica-Ecke den postmodernen Coolness-Stempel:

»Dass die deutsche Grafiker-Legende Mario Lombardo hinter dem Album- und Labelartwork steckt, sei nur am Rande erwähnt, zeigt aber den Top-Notch-Anspruch des gesamten Unterfangens und ja, Dilation (Album des Duos Grandbrothers) ist eines der spannendsten Klavieralben der letzten Jahre mit laszivem Hang zur experimentellen, neuen Musik wie bei Alvin Lucier und Konsorten.« (Review auf Das Filter)

KONZERT VON ÓLAFUR ARNALDS UND NILS FRAHM IM ROTEN SALON – VOLKSBÜHNE BERLIN, 2011 • Quelle YOUTUBE-Screenshot

Warum wird dieser Musik ein Hang zum Experiment und zur neuen Musik (ist die ›Neue‹ gemeint?) unterstellt, wenn man sich anschaut, was nicht nur in der klassischen Avantgarde, sondern auch im Pop auf den Feldern von Electronica, Industrial, Postrock seit den 90er Jahren passiert? Die Hypothese könnte sein: Es ist einerseits das Klavier, andererseits die Sprache der Klassik (Pressetext: »Inspiriert von Künstlern wie John Cage oder Alvin Lucier ist schnell klar, dass der Konzertflügel den Ausgangspukt für ihre Musik bildet.«).

Gegen all dies, Experiment, Design, einen ›lasziven‹ Umgang mit neuer Musik, mit dem klassischen Material, ist nichts einzuwenden, aber wer spricht von den Runde um Runde heruntergeduldeten, immergleichen Harmonien, von a-Moll, F-Dur, a-Moll, F-Dur usw.? Sie bilden das stahlharte und unhinterfragte Gerüst, auf dem die kunsthandwerkliche Soundfeilerei, die Veredelung in der Manufaktur stattfinden kann: Da darf es ein bisschen rau, hier ein bisschen rauschig sein.

Die kulturelle Sehnsucht von Neoklassik

Und trotzdem bedient diese Musik, weswegen sie auch in der Werbung oft eingesetzt wird, eine Sehnsucht nach Tiefe, nach dem Ende der Ironie, ohne, dass es wehtut. Und warum soll man mit dem Ende der Ironie nicht auch die Komplexität abschaffen, die Reibung? Der kulturelle Gestus bedient diese Sehnsucht. Wenn Ólafur Arnalds Nils Frahm vor einem Konzert in der Volksbühne ankündigt (»Is Nils there yet? … we haven’t seen each other for two months«), dann fällt jede Show weg, nichts wird präsentiert, es herrscht Wohnzimmeratmosphäre. Was folgt ist Musik, auf die sich alle einigen können, wenn sie sich darauf einigen, nicht allzu genau oder lange konzentriert hinzuhören. Musik, bei der man sich im Geiste leidenschaftlich wähnen darf, aber äußerlich cool bleibt.

MUSIKVIDEO VON DUSTIN O’HALLORAN AN ENDING, A BEGINNING • Quelle YOUTUBE-Screenshot

Nils Frahm ist verantwortlich für den guten Soundtrack zum Sensations-Film Victoria von Sebastian Schipper. Tatsächlich lässt seine Musik auch hier die »Jetztzeit durch die Pianomelancholie klingeln« (Volker Schmidt in der Zeit). Bei Filmmusik ist es häufig so, dass die Zuschauer dissonante, herausfordernde Klänge als Begleitung der Bilder stärker annehmen. Frahms exquisite Klänge machen aber etwas anderes. Dem gefährlichen, impulsiven Abwickeln der Handlung, den nicht-stilisierten Bildern nehmen sie die schmerzhafte Direktheit, sie spenden traurig-schönen Trost, ein bisschen Beruhigung, lyrische Distanz.

»Adult alternative« ist ein anderes Label, mit dem diese Musik belegt wird. »Adult alternative« klingt wie eine Alternative, die doch keine ist; meine Arbeit und mein Leben sind nicht perfekt, aber ich kann mich mit etwas Wehmut und einer Inszenierung von Traurigkeit davon distanzieren. Aus PR-Sicht ist »neoclassical« oder »adult« die Reinwaschung von Popkultur, ein praktischer Pass für Konzerte in den Philharmonien und Theatern. Was auch zur Neoklassik gehört: Schwarzweiß-Ästhetik, zarte Risse, Instagramfilter, die Rede von Grenzüberschreitungen und von der Auseinandersetzung mit verschiedenen Genres, auch wenn der kleinste gemeinsame Nenner nicht mehr viel von den Genres übrig lässt. Und wir wissen auch nicht, ob es diese Genregrenzen gibt, weil wir nur einen mäandernden, bittersüßen Nebel sehen, der die Realität durch die Nostalgie zementiert. ¶