Marc Tritschler hat ein aufreibendes Projekt im Showbereich hinter sich. Die Eröffnungs- und Schlussfeier der Islamic Solidarity Games als Music Director und Teil eines politisch-organisatorischen Komplexes.

Interview · Titelbild kremlin.ru (CC BY 4.0) · Datum 14.6.2017

Die Islamic Solidarity Games finden seit 2005 alle vier Jahre statt. Nach Mekka, Teheran und Palembang (Indonesien) war die aserbaidschanische Hauptstadt Baku im Mai 2017 Ausrichtungsort. Man konnte auf Infrastruktur aufbauen: Zwei Jahre zuvor fanden dort bereits die von den Europäischen Olympischen Komitees veranstalteten Europaspiele statt. Wir sprachen mit Marc Tritschler. Er ist Komponist, Pianist und hat als Associate Music Director an der Eröffnungs- und Schlussfeier der Islamic Games mitgearbeitet. Die Musik sollte nicht nur recherchiert, arrangiert und größtenteils vorab mit dem Royal Philharmonic Orchestra in den Abbey Road Studios London eingespielt werden – sie musste auch immer wieder abgestimmt werden. Mit dem Präsidentenehepaar. Tritschler hat für dieses Projekt insgesamt vier Monate in Baku verbracht.

Wie bist du zu dem Job gekommen? Gab es da auch konfessionelle Gesichtspunkte?

Nein. Unser Team ist mehr oder weniger das der Olympischen Spiele von London 2012. Die Eröffnungsfeier dort gilt heute in weiten Kreisen als sehr gelungen. Und dann hat man sich in Aserbaidschan wohl gedacht: ›So hätten wir die Party auch gerne‹, und hat sich das eben eingekauft. Ein Team aus Großbritannien, Kanada, den USA, Australien, Griechenland, Italien, insgesamt etwa 250 Leute.

Artikel jetzt twittern: Wie der Soundtrack zur Eröffnungsfeier der Islamic Games in letzter Sekunde geändert wurde. 

Opening Ceremony und Closing Ceremony waren jeweils fast zweieinhalb Stunden lang. Hast du dich für den Soundtrack mit islamisch geprägten Musiktraditionen beschäftigt?

Sehr intensiv. Erstaunlich war, wie viele Komponisten wir gefunden haben, mit umfangreichen klassischen Oeuvres, von denen ich und andere in der Musikabteilung nie gehört hatten. Vieles klingt russisch, post- oder spätromantisch, was daran liegt, dass viele der Komponisten Anfangs des 20. Jahrhunderts in Moskau oder St. Petersburg ausgebildet wurden (Aserbaidschan war bis 1992 Teil der 1922 gegründeten UdSSR, d. Red.).

Und deren Werke wurden dann original für die Eröffnungsfeier verwendet?

Für fast die ganze Eröffnungsfeier. Wir haben die klassischen Kompositionen teilweise editiert, der längste Teil der Eröffnungsfeier zum Beispiel (Knowledge) ist ein Ballett von Fikret Amirov, Tausendundeine Nacht, das wir von 90 auf 12 Minuten gekürzt, teilweise neu orchestriert und dann wieder neu eingespielt haben.

Marc empfiehlt auch: »Fikret Amirov’s Shur, als Symphonic Mugham bezeichnet, eine Art Crossover-Gattung von sinfonisch verarbeiteter Volksmusik.«

Und dann gab es bestimmte Protokollteile, für die Fanfaren geschrieben wurde, das hat Mike Dixon gemacht. Oder wenn dann Filme laufen, dann haben wir zum Teil auch library music verwendet.

Du hast schon vor unserem Gespräch angedeutet, dass es immer wieder spezielle Wünsche gab?

Das machte die teilweise Absurdität dieses Gigs aus. Die Frau des Präsidenten ist mittlerweile die Vizepräsidentin des Landes. Die beiden haben letztendlich die Musik ausgewählt. Man musste alles immer präsentieren: Von unserem Executive Producer ging das über den Kulturminister zum Präsidenten.

Das war also keine Formalität.

Nein, das war sehr kompliziert, weil man keinen direkten Dialog haben konnte. Das ist ja kein Konzert – die Musik muss funktionieren, einen bestimmten Zweck erfüllen, wie Film- oder Theatermusik. Normalerweise aber kämpft man sich dabei mit dem Regisseur ab, stellt ihm die Musik vor, sagt, was sie braucht. Dann sagt der Regisseur: Nein, ich brauch nur den Höhepunkt, dann muss es schön sein, dann muss es traurig sein. Das macht dann die Frustration oder den Reiz aus. Wenn man es aber mit dem Präsidenten zu tun hat, erhält man eigentlich keine Maßstäbe. Man bietet an, was man für das Beste hält, weiß aber nicht, auf welcher Grundlage das beurteilt wird. Die haben Stücke immer wieder abgelehnt. Da konnten wir nicht nachfragen, sondern haben solange etwas Neues angeboten, bis ein Ja kam. Dieser Prozess war … langwierig.

Aber hat das Präsidentenpaar sich dann auch parallel mit der Dramaturgie der Eröffnungsfeier beschäftigt?

Absolut. Die waren sehr beteiligt. Und zugegebenermaßen: Bei vielen Dingen ist uns auch nicht klar, was sie in einem islamischen Kontext für eine Wirkung haben, vor allem, wenn es ja keine Olympischen, sondern Islamische Spiele sind. Da gibt es Dinge, deren politische Aufladung wir nicht kennen. Zum Beispiel kam in irgendeinem Werk eine armenische Melodie vor, die ist in Aserbaidschan vollkommen unmöglich zu spielen. Das hören und wissen fast alle vor Ort, nur wir nicht. Als solche Dinge immer akuter wurden, haben wir einen Music Consultant aus Aserbaidschan hinzugezogen, um entsprechende ›Fehler‹ zu vermeiden.

Marc Tritschler empfiehlt: »Alim Qasimov (der Sänger des Call to Prayer) mit seiner Tochter und dem Hilliard Ensemble.«

Gab es noch andere solcher Knackpunkte?

Die heikelste Sache ist ein paar Stunden vor der eigentlichen Eröffnungszeremonie passiert. Es gibt in der Ceremony einen Call to Prayer, den vom Muezzin gesungenen Adhān. Wir haben diese Stelle mit einem vom Minister ausgewählten Sänger, Alim Qasımov, produziert – einem wahnsinnig tollen Sänger, der auf eine internationale Karriere zurückblickt, er hat mit dem Hilliard Ensemble gesungen und vieles mehr. Nur – er hat seinen Adhān im falschen Dialekt eingesungen. Das hat uns keiner gesagt, alles war abgesegnet. Wir hatten überhaupt keinen Unterschied gehört, konnten nur feststellen, dass es der korrekte Text ist. Und dann kamen kurz vor der Zeremonie ein hoher Geistlicher und der Zeremonienmeister des Präsidenten. Die haben gesagt: Wir haben gehört, dass ihr den falschen Call habt, den müssen wir uns jetzt anhören. Wir wurden in diesen Raum zu den beiden beordert. Das war echt aufregend, weil die ziemlich verärgert waren. Unsere Produzentin war dementsprechend nervös. Das war vier Stunden vor der Zeremonie, da gibt es eigentlich einen lock down, und es wird nichts mehr geändert. Der Imam aber meinte dann: Das werdet ihr nicht spielen. Und da kann man dann nichts machen, man kann da nicht sagen, dass das jetzt technisch nicht möglich ist. Der Knackpunkt war übrigens nur teilweise der Dialekt, sondern die Wahl bestimmter Tonhöhen, die dann über entweder die sunnitische oder die schiitische Auslegung des Rufs entscheidet. In der vorliegenden Form wäre es eine Beleidigung für manche Staatsgäste gewesen, das hätte zu einem wirklichen Vorfall kommen können, dass Leute aufstehen und gehen …

… immerhin wurden bereits die zweiten Islamic Games abgesagt, weil der Iran darauf bestand, ›Persischer‹ und nicht ›Arabischer Golf‹ im Logo zu platzieren … aber was habt ihr gemacht?

Wir waren gezwungen eine Minute dieses Rufs herauszuschneiden und nur einen Teil zu verwenden. Das haben wir ersetzt durch … so eine Streichergeschichte.

Die Stelle ist harmonisch gesehen auffallend ›westlich‹ geprägt …

Wir mussten die Minute füllen, auf keinen Fall kann man zu so einem Zeitpunkt etwas an der Gesamtzeit ändern, da hängen Licht, Video und Tausende Leute auf dem Feld dran, die sich von A nach B bewegen … Also wir hatten zu dem darauffolgenden Balaban-Teil (Balaban: ein Holzblasinstrument, d. Red) bereits so ein Streicherbett aufgenommen. Das klingt ziemlich gut, also haben wir die Streicher genommen, kopiert und nach vorne gesetzt. Das Nervenaufreibende ist, dass man es nicht mehr checken kann und bei so einem Event in dieser Größe macht man ohne technische Probe eigentlich gar nichts. Das wurde in 70 Länder übertragen. Dieses Segment lief dann also ungeprobt, und dabei kann alles mögliche passieren, es kann sein, dass die Musik ausfällt. Wir Vier, die daran beteiligt waren, saßen fast schon händchenhaltend auf der Treppe, bis dieses Stück dann kam.

Gab es auch darüber hinaus noch Kategorien, Stimmungen und Dramaturgien im Kontext ›Feierlichkeit‹, dir neu waren oder ist das auf dieser Ebene inzwischen global vergleichbar?

Es gibt in dieser Zeremonie ein paar Eigenheiten, die man wahrscheinlich im Westen nicht machen würde. Es gibt zum Beispiel eine ganz andere Art, Nationalstolz darzustellen, das ist – vielleicht für mich speziell auch als Deutschen – etwas befremdlich. Trotzdem hat es etwas freudvolles, nichts Beängstigendes, sogar die Fülle der Flaggen, der Stolz im Stadion. Zwischen befremdlich und beeindruckend.

Aber das ist ja die Oberfläche. Und wenn man sich jetzt dieses politische System anschaut, ist halt die Frage: Wo kann man mal unter die Oberfläche sehen? Aber das ist nicht erlaubt.

Würde das bei einer westlichen Eröffnungsfeier überhaupt passieren, dass man da unter die Oberfläche schauen kann?

Ich fand die Feier von London 2012 schon bemerkenswert. Da wurde mit einem Humor, auch über sich selbst, so ein nicht-patriotisches und sympathisches Nationalbild gezeichnet, das die Leute wirklich berührt hat, auch wenn sie überhaupt nichts mit ›Nation‹ am Hut haben. Witzig, clever, Sachen zeigend, die man vielleicht vorher nicht wusste. Das hier war Repräsentation und auch – zugespitzt gesagt – eine Art Angeberei.

… obwohl es auch so diese volkstümliche Momente gab, die ruhiger waren als vieles, was man von so TV-Ereignissen in unserer Medienwelt kennt, wo man auch viel öfter mit Soundeffekten und einer schnellen Struktur zugeballert wird.

Ja, auch dieser Call to Prayer, wenn man das schon aus dem Leben in der Stadt kennt, das ist wirklich beeindruckend. In der Stadt ist alles auch wesentlich ruhiger, da ist mehr Zeit für alles. Baku ist in der Entwicklung einer Metropole in mancher Hinsicht auch 30, 40 Jahre zurück, da kommt eine andere Ästhetik mit.

Szenenbeschreibung: »Mina waves goodbye to her grandfather and, with her kite, leaves on a journey of knowledge and discovery.« Screenshot der Eröffnungsfeier, Quelle: Youtube, © Baku 2017 – 4th Islamic Solidarity Games

Schaffen solche Projekte, in denen man viel vorgegeben bekommt und nicht prinzipiell nach künstlerischen Maßstäben handelt, für dich auch den finanziellen Freiraum, dich anderen Dingen zuzuwenden, wie deinem Label Testklang?

Klar. Das machen ja durchaus viele. Natürlich gibt es auch absolute Top-Profis, eher auf Ingenieursseite allerdings, die nur in dieser Show- und Musicalwelt unterwegs sind, weil das auch ein sehr spezielles Business ist. In den kreativen Abteilungen gibt es aber sehr viele, die freiere, experimentellere Sachen machen, die sich mit so einem Engagement Anderes finanzieren. Ich genieße und pflege diese Eventwelt aber auch, weil ich an den Lerneffekt bei solchen Veranstaltungen glaube, mich fasziniert auch diese Maschinerie. Da liegt der kreative Teil dann mehr in der Bewältigung dieser organisatorischen Aufgabe. Allerdings war es musikalisch auch interessant, weil man selten die Gelegenheit hat, mit einem Orchester drei Wochen in Abbey Road aufzunehmen, das war phänomenal. ¶