Mit der Linie Eins bis Étoile, ziemlich voll am Nachmittag. Etwas weniger Smartphones als vor ein paar Jahren in Paris, scheint mir, und ein paar mehr Passagiere, die sogar Bücher lesen. Die Zwei ist dann beinahe leer, nur zwei Stationen bis zur Porte Dauphine, wo der Zug in der Schleife verschwindet und ich ans Licht eines sonnigen Novembertags steige, an den Rand der Avenue du Bois de Boulogne. Nein, so heißt sie seit 1929 nicht mehr, sondern nach dem Marschall Foch, der gegen Ende des Ersten Weltkriegs die ganze Westfront auf Seite der Alliierten befehligte, mit dem bekannten Erfolg. Debussy bekam das nicht mehr mit, er starb am 25. März 1918. Ein paar Schritte von hier.

Ich habe mit ihm virtuell so viel Zeit verbracht, dass ich den Stadtplan von damals im Kopf habe, als ich die 120 Meter breite Avenue Foch überquere gen Norden. Teilweise stimmt der alte Plan noch. Der Arc de Triomphe steht, wo er hingehört, modellartig klein von hier aus gesehen, gelbweiß, wieder unverhüllt – die Verpackung nach Christos Plänen liegt einige Wochen zurück. Die Petite Ceinture gibt es schon lange nicht mehr, die Ringeisenbahn, von der der maître so genervt war. Die Gleise verliefen direkt vor seinem Garten, alle fünfzehn Minuten ein Zug. Und die Stadtbefestigung von 1844 ist fort, die schon Tore für die Eisenbahnlinien hatte. Da verläuft jetzt die Périphérique, die Stadtautobahn.

Zwischen teils schon blattlosen, teils noch grünen Bäumen, von denen die breiteste Straße Europas gesäumt ist, sehe ich stattliche Fassaden und zwischen ihnen den, nun ja, vertrauten Spalt, die schmale Abzweigung zum ruhigen Platz, jetzt Square Foch. Satie ist da oft entlanggegangen, gefahren garantiert nicht, wegen Geldmangel, eher schon hat Strawinsky ein Taxi genommen, und natürlich Jacques Durand, der Verleger, der Debussy dauernd mit Geld aushelfen musste. Die Jahresmiete hier war eine Nummer zu groß für den Komponisten, 8.500 Franc zuletzt, heute rund 37.000 Euro. Er regte sich auf über die rastaquoères, die Emporkömmlinge, die im Viertel die Immobilienpreise hochtrieben, Brasilianer, Amerikaner…

Die Preise sind offenbar unverdrossen ein Jahrhundert lang weiter gestiegen. Teure Autos parken hier, neben manchen stehen deren Chauffeure, ein kleiner Shuttlebus der Fondation Louis Vuitton ist zu sehen, und in die Seitengasse zum Square Foch, wie der Square du Bois de Boulogne jetzt heißt, komme ich nicht rein. Gußeisernes Gittertor. Was soll das denn? Ich stehe da wie einer, der nach Hause kommt und seinen Schlüssel nicht mehr findet. Von der anderen Seite kommen Leute. Sie öffnen die Seitentür und halten sie mir offen. Merci.

Vielleicht halten sie mich für einen der ihren, einen, der putzt oder repariert oder die Überwachungskameras wartet und sich hier keine Besenkammer leisten könnte. Jetzt ist es also eine gated community. Schön hier! So ruhig! Häuser aus Baron Haussmanns ganz großer Zeit, 1850er, auch das schmucke zweistöckige, in das Claude und Emma 1905 zogen, in dem Chouchou groß wurde, in dem Jeux und Images entstanden, die Préludes und Childrens´s Corner… Wo ist es denn? Also, wenn da hinten die Ringeisenbahn verlief, dann über das Rondell und… genau! Das ist es! Dass man nicht ganz rankommt, wusste ich schon.

Ein schulterhohes Tor versperrt die Zufahrt, seit 2012 auf einer Website zu sehen. Eine andere weist 2006 darauf hin, das Haus gehöre einer saudischen Prinzessin, die nur ein paar Wochen im Jahr da sei. Ich will über das Tor hinweg ein Foto machen, möglichst mit der Plakette, die an Debussys Jahre hier erinnert. Smartphone rausholen und… »Monsieur?« Ein junger Mann in Schwarz steht hinter mir. Was ich hier wolle. »Je cherche la maison de Claude Debussy«, erkläre ich, obwohl ich es gerade gefunden habe.

»Debussy?« Er denkt kurz nach. »Sind Sie mit ihm verabredet?« »Er hat hier gewohnt. Vor mehr als hundert Jahren. Er war ein sehr berühmter Komponist. Pelléas et Mélisande…« »Natürlich kenne ich ihn!« »Sein Haus ist das da«, sage ich. »Es hat eine Plakette. Ich möchte es fotografieren.« »C´est interdit.« »Êtes-vous le gardien?« »Oui.« Dann könnte er es mir doch erlauben! Ich komme an die engen Grenzen meines aktiven Wortschatzes, er lächelt plötzlich. »Sind Sie Deutscher? Ich meine, Ihr Akzent…« »Ja.« Er könne es mir nicht erlauben, sagt er, weil alles voll sei mit Kameras. Ich verstehe. Er will nicht dabei gefilmt werden, wie er einem Wildfremden das Fotografieren erlaubt.

Dann hat er eine Idee. »Ich könnte die Besitzer fragen, ob ich es für Sie fotografieren darf. Haben Sie eine Mailadresse?« Er probiert sie gleich aus, um zu checken, ob sie stimmt. Vielleicht war das ein guter Trick von ihm, vielleicht hat mich ab jetzt der saudische Geheimdienst im Adressbuch? Umgekehrt dann allerdings auch. »Hello« steht in der Testmail, ein kleines Souvenir. Ich habe ja sogar die Telefonnummer von Debussy, die kennt sonst keiner! Aber den kann ich nicht anrufen, um ihm zu erzählen, dass jetzt endgültig die Milliardäre die Macht übernommen haben in seinem Viertel.  

Ich verabschiede mich vom man in black und schlendere zurück zum Platz. Der Pianist Arthur Rubinstein hat auch hier gewohnt, vielleicht könnte ich sein Haus… Ich sehe mich um. Der Wächter steht immer noch da und blickt mir nach. Also gut, dann nicht. Ich weiß ja, von wo aus ich Claudes letzte Adresse noch fotografieren könnte, nämlich von da, wo mal die Gleise waren und jetzt eine Straßenbaustelle ist. Ça va. Aber schnell und unauffällig, selbst die Gärten hinter den Häusern sind voller Wächter! Über rostigen Zaunspitzen kriege ich wenigstens das erste Stockwerk und die Mansardenfenster ins Bild.

Man steht also in Paris und fotografiert das Haus, in dem einer von Frankreichs Größten, Claude de France, bis zu seinem Tod mit 55 Jahren lebte, als sei man im militärischen Sperrbezirk! Man stelle sich vor, die Villa Strauss in Garmisch wäre weiträumig abgesperrt, weil sie einem Konzern, einem Investor, einem Milliardär gehört… Na gut, das würde Debussy amüsieren, da ihm Richard Strauss auf die Nerven ging. Und natürlich brauche ich kein Foto mit Plakette, um Children´s Corner genießen zu können. Aber es ist nicht schön, bei Golliwog´s Cake Walk an Überwachungskameras denken zu müssen.

Ich schlendere die stiller werdende Avenue Foch entlang in die Stadt zum Arc de Triomphe, mit gemischten Gefühlen. Paris ist schön und stolz und frei. Ganz Paris? Ein hübsches Stück Stadt mit seiner Kulturgeschichte ist abgeriegelt worden, unterworfen von Investoren, die vor hundert Jahren noch ohne Gitter auskamen. Wertsteigernd wirkt ja nicht nur die Lage, sondern auch das Flair der Metropole. So bunt, so republikanisch, so offen! Und die Obdachlosen? Die dürfen sogar in der Metro übernachten!

Volker Hagedorn will für @vanmusik Debussys altem Wohnhaus einen Besuch abstatten und findet sich in einer abgeriegelten Welt der Superreichen wieder.  Klick um zu Tweeten

»Natürlich liebe ich die Ringeisenbahn«, schrieb Debussy im Sommer 1907 an seinen Verleger und fügte sarkastisch hinzu: »Weil man sich an alles gewöhnen können muss.« Wirklich, maître? An alles? ¶  

Volker Hagedorn

…lebt als Buchautor, Journalist und Musiker in Norddeutschland. Er studierte Viola in Hannover, war Feuilletonredakteur in Hannover und Leipzig und ist seit 1996 selbstständig als Autor u.a. für ZEIT und Deutschlandfunk. Im Rowohlt Verlag erschienen von ihm »Bachs Welt« (2016) und »Der Klang von Paris« (2019). Sein neues Buch »Flammen. Eine europäische Musikerzählung 1900–1918« erscheint im April 2022. Mehr von Volker Hagedorn