Wie geht’s eigentlich gerade den Heavy Usern des Klassikbetriebs – den Konzertsüchtigen?

Text · Fotos privat · Datum 6.5.2020

Wie geht’s eigentlich gerade den Heavy Usern des Klassikbetriebs – den Konzertsüchtigen? 2017 erschien in VAN das Porträt von Stefan, dem sanften Klassik-Grizzly. Jetzt war Zeit für eine Nachfrage, was der kalte Entzug in Corona-Zeiten mit einem macht, der normalerweise (fast) jeden Tag ins Konzert geht. Und siehe da, Stefan ist erstaunlich gut drauf … aber so ganz eben doch nicht.

Was fehlt: der Raum

Wir sind gestern ganz lange Rad gefahren, und da ist mir immer die Meistersinger-Ouvertüre durch den Kopf geschwirrt. Da habe ich gemerkt: Ich sehne mich nach diesem Gefühl, wenn diese Ouvertüre so richtig losdonnert gegen Schluss. Und heute haben mein Freund Tim und ich zuhause gefrühstückt, und ich hab die Ouvertüre dazu laufen lassen und musste Tim, der das Stück noch nie live gehört hat, immer sagen: »Du, aber im Raum ist das ganz geil! Im Raum knallt das richtig!« Und er hat mich ein bisschen gelangweilt angeschaut und fand das ganz hübsch, und ich denke, ja nee, das muss man im Raum hören.

CDs, Youtube, klar… Aber eine körperliche Erfahrung: Das passiert nicht. Auch bei diesen ganzen Streaming-Angeboten, die sind mir relativ egal. Ich verirr mich schon mal in sowas. Meine Leute haben mich alle drauf hingewiesen: Die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker, die machen das jetzt kostenlos, das wär doch was für dich … ja … ja, kann ich machen … aber … ist doch keine Lösung.

Livestreams und Sich-Aussetzen

Ich hab nix dagegen, aber es tut wenig für mich. Und ich verfolg das ja auch auf Facebook, wie Sänger und Musiker drüber diskutieren: Sind diese Streamings sinnvoll oder nicht? Ich versteh schon auch, warum Leute das negativ sehen. Ich bemerke an mir selbst, dass mir Konzerte fehlen, aber dass es erstmal auch okay ist ohne … Nicht dass noch mehr Leute auf den Geschmack kommen, dass man das ja auch alles online kann! Ich finde, da wird vor allem online promotet.

Auf das Publikum um mich herum kann ich ja gern verzichten… Aber es ist mir wichtig, mich dem Erlebnis der Musik auszusetzen. Nicht flüchten zu können! Ich sitz da und kann nicht weg, und alles, was ich machen kann, ist: die Musik hören. Das habe ich zuhause natürlich nicht. Und das ist es, was mir am meisten fehlt: dass ich mich der Sache aussetzen muss. Dass ich mich dazu entscheide, mich zwei Stunden irgendwo reinzusetzen, wo nur das stattfindet. Das ist für mich der entscheidende Punkt am Konzerterleben. Und nicht, wie bei Netflix, nebenher irgendwas machen…

Alleinsein mit der Musik. Trotz der Störungen, trotz Applaus, der mich rausreißt.

Das letzte Konzert

Das letzte Konzert, das ich vor Corona gehört habe, war wirklich toll: Fünfte Bruckner mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Vladimir Jurowski im Konzerthaus. Das war wunderbar. Wenn das das allerletzte Konzert gewesen wäre, wär es nicht das schlechteste gewesen…

#Abstandhalten in der Oper

Die letzte Oper, die ich davor gehört habe, war Carmen in der Staatsoper Unter den Linden. Die letzte Aufführung vor dem Carmen-Livestream vor leerem Haus. Das war ein bizarrer Abend. Zu dem Zeitpunkt war es uns allen noch nicht ganz klar, was das jetzt heißt. Aber ich hab mich schon gefragt: Darf denn Don José Carmen jetzt küssen? Die küssen sich ja! Ich saß da drin und dachte, jetzt fasst der die an! Jetzt küsst der die! Ist das okay, darf der das? Das hab ich den ganzen Abend mitgedacht, immer ist dieser Corona-Film mitgelaufen … und die ganze Bühne voller Chor, und jetzt umarmt er die nochmal, nachdem er sie umgebracht hat … nicht anfassen! Nicht anfassen!

Was wir versäumen

Grauenhaft. Ich hätte gern meine erste Korngold-Sinfonie gehört. Die hätten sie jetzt gespielt beim Deutschen Symphonieorchester, da hab ich mich die ganze Zeit drauf gefreut. Na gut, der kommt nächstes Jahr mit den Philharmonikern wieder. Was ja auch ein langweiliger Aspekt der Stadt Berlin ist, dass alle immer dasselbe spielen…

Oder Rued Langgaards Antikrist an der Deutschen Oper. Das ist auch eine Scheiße, dass wir das nicht sehen konnten. Ich war sehr ambivalent, ob das wohl gut wird, aber ich hätte es wirklich gern gesehen. Die Staatsoper hat drei Premieren, die ausfallen, die Deutsche Oper auch. Und es ist unwahrscheinlich, dass das dann wieder kommt. Oder Messiaens Saint François d’Assise in Hamburg … Ich kann mir vorstellen, dass stattdessen erstmal ganz viele Toscas und Zauberflöten und Carmens über uns kommen werden. Um die Buden wieder zu füllen.

Die Lust der Freiheit, irgendwas zu hören

Aber mir geht’s gut. Richtig gut. Es geht auch ohne – erstaunlicherweise. Die Musik ist nicht weg. Ich hör sehr intensiv Musik gerade. Ich bin ja jemand, der sich immer vorbereitet auf Konzerte: Ich hör mir das immer alles an, und da geht dann natürlich die andere Musik flöten, die gerade nicht live kommt. Und im Moment kann ich Musik hören, die ich gar nicht im Konzert hören werde. Das finde ich schon auch ganz lustig. Ich war gerade bei einem russischen Freund, und der hat die ganze Zeit Rimsky-Korsakows Opernsuiten laufen lassen, die ich mir nie angehört hätte. Und ich hatte so einen Spaß daran, dass ich nach Hause gekommen bin und das alles aus dem Regal gerissen habe: Ah, das kann ich jetzt hören, das spielt alles gar keine Rolle, ich brauch mich auf nix vorzubereiten.

Die tote Stadt

Irgendwo einen Kaffee trinken können. Das fehlt mir wirklich. Nicht mitnehmen, sondern uns irgendwo einfach in ein Café setzen können … Die Stadt ist wirklich tot. Ich bin gestern Abend mit einem Freund abends am Hackeschen Markt rumgeradelt – Berlin ist eine Geisterstadt. Alles dunkel.

Ich gehe mit einem Freund oft in die Deutsche Oper, in Sachen, wo wir wissen, das wird nix, und dann gehen wir in der Pause meist eine Currywurst essen und bleiben dann auch da. In der Currywurstbude neben der Deutschen Oper. Das ist so ein Ritual: Wir haben einen schönen Abend, egal, was passiert in der Oper… Und jetzt bin ich Freitag mit meinem Schatz zur Deutschen Oper geradelt, wir haben Currywurst gekauft, und dann haben wir uns auf die Treppen vor dem Brunnen an der Deutschen Oper gesetzt und Currywurst und Pommes gefuttert und ein Bier getrunken. Das war wunderschön: Okay, die Currywurst an der Deutschen Oper gibt’s noch.

Aber du sitzt da, und es ist tot. Es ist alles tot.

Konzertöffnungsdiskussionsorgien

Jetzt bin ich so angefüttert mit so viel Wissen zu dem Thema, unter welchen Umständen ein Konzert wieder möglich wäre, solches Zeug wie: jeder zweite, dritte Platz nur besetzt, keine Pause, keiner aufs Klo, keine Bar… Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das wieder losgehen soll. Ich geh schon davon aus, dass das noch lange dauert, bis wir dann endlich in irgendeinem obskuren Konzert sitzen, wo wenige Leute wenig machen, in kleiner Besetzung, und wir sitzen alle weit auseinander… ich kann mir das nicht vorstellen.

Wie geht’s eigentlich gerade den Heavy Usern des Klassikbetriebs? Ein Konzertsüchtiger berichtet in @vanmusik.

Der Mahleridealfall

Als erstes Stück danach, da würde ich mir wirklich eine bummsgroße Mahlersinfonie wünschen oder sowas. Ich wünsche mir große Musik, viele Musiker, Chöre … was richtig Gefährliches, was richtig Corona-Gefährliches! Klavierabende, ja gut … aber Mahlers Achte mit allen, die können und wollen, und mit allem, was geht. Das wär der Idealfall.

Der Wiedereinstieg

Ob ich wieder so einsteigen werde wie früher, wenn es dann doch mal neu losgeht?

Ja. Ich fürchte, ja. (Und Stefan lacht.) ¶

Albrecht Selge

...lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: Fliegen (2019) und Beethovn (2020). Und führt nebenher das Blog Hundert11 – Konzertgänger in Berlin.