Kazumi. Ein Fanporträt.

Text · Fotos JUNIA FATORELLI · Datum 18.10.2017

Sie ist die Kleinste in der ganzen Philharmonie. Aber sie hat das größte Musikherz von allen. Und ein großes Kämpferherz dazu: Kazumi, die eine Freikarte sucht.

Wer sie nicht kennt, der war noch nicht in der Berliner Philharmonie: die »kleine Asiatin«, die vor Konzertbeginn mit ihrem Schild Suche Freikarte im Foyer steht. Immer vor der mittleren Säule. Und die später im Konzert in Block B sitzt. Und nach dem Konzert mit ihrem riesigen Rucksack davonradelt in die Nacht.

Wer sucht, der wird finden. Zumindest Kazumi. Zumindest eine Freikarte.

Wir haben sie nicht in der Philharmonie kennengelernt, sondern im Schwimmbad. Vor ein paar Jahren war’s, im Stadtbad Tiergarten: Unser Sohn, der mit sieben Jahren so groß war wie sie, kam mit ihr ins Gespräch. Und meine Frau sagte zu ihr, ich kenne Sie ja.

Wir hätten sie leicht auch im Park kennenlernen können. Denn Kazumi lebt nicht von der Musik allein, dieser tönend bewegten Luft, sondern von allen Elementen: Vom Wasser des Stadtbads. Von der Erde des Tiergartens, wo sie fast jeden Tag verbringt. Vom Feuer des Sonnenscheins, den sie über alles liebt und braucht (obwohl oder gerade weil sie eine Nachteule ist), und vom Feuer in ihrem Herzen. Sie nennt sich selbst einen Samurai.

Denn es hängt nicht von der Körpergröße ab, ob man Samurai ist.

Kazumi und die Musik (1)

Sie ist in die Musik hineingerutscht. Ihre Rutschhelfer waren zwei Landsleute: Kazumis Liebe zur Musik begann, als sie japanische Kommilitonen ins Konzert begleitete. Das war Mitte der 70er Jahre, als sie in West-Berlin studierte, Kunstgeschichte an der Freien Universität. Die führende Kraft des festen Trios war ein Student, den Kazumi ein lebendes Musiklexikon nennt: ein Klassikverrückter, der seine Wohnung so gewählt hatte, dass er mit dem damaligen 48er Bus direkt zur neuen Philharmonie fahren konnte, die seit zehn Jahren am Rand des Tiergartens stand. Neben dieser Brache, die einmal der Potsdamer Platz gewesen war. Knapp vor der Mauer.

Ich war damals nicht reif für klassische Musik, sagt Kazumi, die schnell und viel spricht. Spontan, impulsiv, mit starkem japanischen Akzent, so dass sie nicht immer leicht zu verstehen ist. Ob reif oder nicht, sie erinnert sich gut an den über achtzigjährigen Karl Böhm, der sich beim Dirigieren kaum mehr bewegte. An Eugen Jochum, den sie eindrucksvoller fand als Karajan.

Auch in die Oper gingen die drei regelmäßig. Konventioneller japanischer Geschmack, wie Kazumi sagt: Don Giovanni an der Deutschen Oper etwa. Und sie fuhren zu dritt nach Ost-Berlin, um an der Staatsoper Unter den Linden Theo Adam in den Meistersingern zu hören.

So ging das los. Vor gut vierzig Jahren.

Was mag aus den beiden anderen Japanern geworden sein? Kazumi jedenfalls ist in Berlin hängengeblieben und geht immer noch in die Philharmonie. Obwohl es hinter der Philharmonie keine Mauer mehr gibt. Und aus der benachbarten Brache etwas geworden ist, das sich wieder Potsdamer Platz nennt, warum auch immer, ein Platz ist es ja nicht.  

Kazumis Geschmack aber ist nicht hängengeblieben, sondern hat sich im Lauf der Jahrzehnte ausgebildet und erweitert. Der Mann, mit dem sie eine Zeitlang verheiratet war, machte sie mit der klassischen Moderne bekannt, der Schönberg-Schule, Hanns Eisler. Am Anfang für sie ein Schock, heute ein Genuss. Doch am liebsten hört sie gen Osten: von Tschaikowski bis Alfred Schnittke. Prokofjew vor allem, Schostakowitsch, der große, doppelbödige sowjetische Klang. Das Melodische, sagt sie, das Östliche. Was auch in Beethovens dunklen Sätzen stecke; und Schuberts Eltern hätten ja übrigens aus Mähren gestammt. Ansonsten, der Pole Andrzej Panufnik (1914-1991) werde viel zu wenig gespielt. Und die Skandinavier würden auch schlecht behandelt hierzulande.

Kazumi hört und liebt nicht systematisch, sondern mit größtmöglicher Offenheit und Spontaneität. Wenn sie ihre Abneigung gegenüber Angelsächsischem erklärt, schiebt sie sofort nach: Aber Benjamin Britten möge sie sehr, und Vaughan Williams natürlich auch, und Elgar sowieso.

Manuel de Falla nein, Gabriel Fauré ja. Walzer nein, Märsche ja. Stimmen ja, aber nur solo, nicht im Chor: Chöre machten ihr Angst, sie sei eben eine Individualistin, Teamarbeit sei nichts für sie. Wie das nun wieder mit ihrer Vorliebe für riesige Werke zusammenpasst? Eine Sinfonie ohne Teamarbeit? Ach was. Liebe braucht sich nicht um Widerspruchsfreiheit zu scheren.

Nur eins ist sicher: Kazumis Abscheu gegen die Dreierbande. Philip Glass, Steve Reich, John Adams. Minimalismus sei Gehirnwäsche. Gamelan. Bhagwanmusik.

Apropos, fragt da der Eurozentrist, wie sieht es eigentlich mit japanischer Musik aus? Was aber ist japanische Musik? Kazumi mag Toshio Hosokawa. Dem hat sie, als in der Philharmonie mal über neue Musik abgestimmt wurde, ihre Stimme gegeben. Der hat sie auch, als er einmal in die Philharmonie kam, mit ihrem Schild gesehen: Suche Freikarte.

Kazumi und Deutschland

Am 20. August 1974 legte in Yokohama das Schiff ab, mit dem Kazumi ihre Heimat verließ. Von Wladiwostok aus ging es mit dem Flugzeug weiter, über Chabarowsk nach Wien. Noch heute bedauert Kazumi, damals nicht mit der Eisenbahn gefahren zu sein.

Zwei Dinge zogen sie von Zuhause fort: die alte Malerei nördlich der Alpen und ihr Brieffreund Thomas. Thomas brachte sie in seiner Ente von Regensburg nach Rothenburg ob der Tauber, wo sie im Goethe-Institut Deutsch lernte.

Was sie nicht von Zuhause fortzog: die Musik. Denn sie kannte kaum etwas. Ihre Eltern hatten kein Geld für hohe Kultur gehabt, sie waren einfache Leute in Gifu, einer 350 Kilometer von Tokio entfernten Stadt, deren Einwohnerzahl sich im letzten Jahrhundert verzehnfachte und die trotzdem mit heute über 400.000 Einwohnern ein Kaff geblieben ist – für japanische Verhältnisse.

1975 zog Kazumi nach Berlin, um die alten Meister zu studieren. Zuerst teilte sie sich mit einer Amerikanerin ein Zimmer zum Wucherpreis von 180 DM pro Kopf, in einem privaten Mädchenwohnheim in Schöneberg, das von einer Vermieterin namens Frau van Soundso betrieben wurde. »Wie eine Karikatur von Daumier war sie.«

Später lebte sie in einem FU-Wohnheim am Dahlemer Thielplatz, mit vielen südamerikanischen Studenten. Immer kamen sie aus den Ländern, wo die Diktaturen gerade am schlimmsten wüteten. Wenn sie heute Igor Levit im Kammermusiksaal Frederic Rzewskis The People United Will Never Be Defeated spielen hört, diesen gigantischen Variationenzyklus über das Kampflied ¡El pueblo unido jamás será vencido!, dann erinnert sie sich mit Wehmut an die hoffnungsvollen und verzweifelten chilenischen Kommilitonen von damals. Und möchte am liebsten wieder die rote Fahne schwenken.

Später zog es sie nach Moabit, wo sie in einer Zigarettenfabrik jobbte und wo außerdem ein guter Freund von ihr lebte. Dem stand die Kleine Zuzugssperre entgegen, die der Berliner Senat damals für mehrere Bezirke erlassen hatte: Eine Aufenthaltserlaubnis erhielt ein Ausländer nur, wenn er in einem nicht gesperrten Bezirk eine Wohnung fand. Was sie denn da tun solle, fragte Kazumi einen Beamten.

Am besten heiraten, antwortete der Beamte.

Viele Dinge also, die sie in Berlin hielten. Und eins davon war die Musik. Die Musik, die sie noch immer hier hält. Erst vor wenigen Monaten starb in Japan ihre uralte Mutter, die der letzte Grund war, warum Kazumi noch manchmal in die alte Heimat flog.

Was sie über ihre neue Heimat im Jahr 2017 denkt? Dass sie wegen der blonden Haare und blauen Augen hierher gezogen sei, antwortet sie: Und was sehe ich heute?!? Aber sie klingt nicht wütend dabei, sondern lacht von Herzen.

Kazumi und die Männer

Etwa fünfzehn Jahre war Kazumi verheiratet mit ihrem Mann, dem guten Moabiter Freund, dem Schönberg- und Eislerkenner: einem Bremer Japanologen, über den sie noch immer mit großem Respekt spricht. Ein fleißiger Mann, während sie immer eine faule Sau gewesen sei.

Sie hat keine Kinder, aber eine riesige Ersatzfamilie. Das Abendpersonal in der Philharmonie etwa, da kannte und kennt sie viele. Ist sie erst einmal durch den Einlass gelangt (und sie kommt fast immer durch), sieht man Kazumi meist mit Garderobenfrauen und Platzanweisern plaudern. Zwei japanische Studentinnen, die sie gut kannte, sind zwar leider weg. Denn zum größten Teil sind es ja Studentinnen und Studenten, die hier nur für eine gewisse Zeit arbeiten, ein paar Jahre. Aber natürlich hat es schon manche Romanze zwischen den jungen Jobbern gegeben; und wenn aus solchen Bekanntschaften irgendwann eine Familie entsteht, ist es für Kazumi, als hätte sie ein Enkelkind bekommen.

Und sie hat auch sonst ihre Favoriten. In den Dirigenten Ton Koopman etwa, verrät sie einmal, aber pssst, in den sei sie ein bisschen verliebt. Und dann lacht sie wieder von Herzen.

Kazumi und der Hass

Ein Segen für Kazumi, dass sie ein solches Talent zur unbeugsamen Freude hat. Denn ihre Herzlichkeit wird nicht von allen Menschen erwidert. Im Stadtbad Tiergarten hetzten neulich Gäste die Bademeister auf sie: Diese kleine Japanerin da, die dusche zu lange. Die dusche schon seit einer halben Stunde. Die höre ja gar nicht mehr auf zu duschen.

Etwas Freches, historisch Inkorrektes von deutschen Aufsehern und Duschen antwortete die wehrhafte Kazumi, die immerhin aus einer großen Badekultur stammt. Danach stand sie knapp vor einem Hausverbot.

Schon vor Jahren erlebte sie Ähnliches im mittlerweile geschlossenen Freibad Tiergarten. Da missgönnten andere Gäste ihr den Stammplatz, an dem sie täglich das Sonnenlicht atmete. Und es passierte, dass sie diesen Platz morgens beschmutzt fand, beschmiert, verschissen. Eine klare Botschaft. Das dunkle Deutschland, das Fremden das Sonnenlicht missgönnt, gibt es nicht erst seit gestern.

Vor der winzigen Asiatin haben Fremdenfeinde keine Angst, da lassen sie die Sau raus.

Und nicht nur im Schwimmbad, auch im Konzert. Da war diese piekfeine Dame (eine Abgeordnetengattin, mutmaßt Kazumi), die sich in der Philharmonie in Block B an ihr vorbeizwängte und ihr dabei hasserfüllt ins Ohr zischte: Freikarte! Freikarte! Zehnmal mindestens. Oder diese Dame an der Deutschen Oper, die sie in der Pause fragte: Sie haben also eine Karte bekommen?

Ja, antwortete Kazumi.

Weil Sie eine Ausländerin sind!, giftete da die Dame.

Ein regelrechter Stalker, so erzählt es jedenfalls Kazumi, sei der Musikwissenschaftler U. Wer das ist, fand Kazumi erst nach einigen unangenehmen Begegnungen heraus: anscheinend eine halbverkrachte Existenz, die schon vom Sicherheitsdienst ertappt wurde, als sie sich über Hintertreppen in die Philharmonie einzuschleichen versuchte. Nun, das würde Kazumi als Letzte stören. Aber dass er sich in den Konzertpausen grinsend extra auf den Platz setze, auf dem sie vor der Pause saß, das stört sie. Oder dass er sie, als er sie im Tiergarten in der Sonne liegen sah, mit dem Fahrrad umkreist und gerufen habe: Sozialschmarotzer! Und misogyne Derbheiten. Das stört sie sehr.

Aber nicht mit Kazumi. Ich komme nicht umsonst aus dem Samurai-Land, sagt sie, ich bin ein Samurai. Sie habe eine Rüstung, eine Elefantenhaut. Und wenn ihr einer so kommt, dann schreit sie ihn an: Hau ab! Und wenn er sich entschuldigt, denn auch das ist schon vorgekommen, bleibt sie dabei: Hau ab, du!

Japanisch heißt nicht sanftmütig, klein heißt nicht wehrlos.

Kazumi und die Güte

Zum Glück sind nicht alle so. Auch nicht die meisten. Viele Menschen erwidern Kazumis Herzlichkeit mit Wärme und Güte. Und mit Freikarten. Sie hat ihre regelmäßigen Sponsoren, wie sie sie nennt: einen Unternehmer etwa oder einen Arzt, die sie immer mit der zweiten Abo-Karte hineinnehmen, wenn ihre Ehefrauen mal verhindert sind. Oder Musiker wie Martin Helmchen, die vor dem eigenen Auftritt vorbeikommen und ihr eine Karte bringen.

Oder diese alte Frau, die auf der Damentoilette zu ihr sagte: Oh, Sie sind hereingekommen. Das freut mich.

Denn so siehts aus, sagt Kazumi: Ich bin sehr froh, dass ich in meiner zweiten Heimat so ein Leben verbringen darf. So ein Leben, wie ich es zuhause nie hätte verbringen können! In Tokio … zweitausend, dreitausend Euro reichen nicht. Das ist auch wichtig: dank netten Leuten, die mich unterstützen. Das ist ein Glück. Hier ist das Paradies.

Kazumi und das Geld

Und wovon lebt Kazumi sonst? Außer von Sonnenlicht und Musik? Denn etwas Geld braucht doch jeder Mensch?

Das ist mein Geheimnis.

Kazumi und die Musik (2)

Sie geht nur abends ins Konzert und ist danach noch lange wach und in der Stadt unterwegs. Etwa um im neuen Tagesspiegel die Veranstaltungen von morgen durchzusehen.

In Matineen trifft man sie kaum einmal. Wenn die Sonne nicht scheint, dann ist sie vielleicht wieder in der Gemäldegalerie. Denn was auch immer aus dem Brieffreund Thomas geworden sein mag, die Liebe zur alten Malerei nördlich der Alpen hat sie nie verlassen. Auch bei den flämischen Meistern des 13. bis 16. Jahrhunderts findet sie dieses Licht, das sie zum Leben braucht. Jan van Eyck und Hans Memling gehören zu ihren Favoriten: Würdevolle Sachen. Kein Quatsch.

Artikel jetzt twittern: Auf der Suche nach Freikarten im Paradies. Ein Fanporträt in @vanmusik: van-magazin.de/mag/kazumi-fanportraet

Würde schätzt Kazumi auch in der Musik. Keine extravaganten Typen wie Patricia Kopatchinskaja oder Fazil Say, die boykottiere sie. Ein bescheidener Künstler, das ist für sie zum Beispiel der Bariton Matthias Goerne. Sängerinnen, die sie liebt: Anna Larsson oder Wiebke Lehmkuhl – große Persönlichkeiten, nicht große Stars. Ähnlich ist es bei den Instrumenten, Bratsche und Cello sind ihr am liebsten.

Und Dirigenten? Simon Rattle nennt sie einen Krachmacher. Wäre es nach ihr gegangen, wäre Rattles Nachfolger bei den Berliner Philharmonikern das Problemkind geworden, dieser Muttersohn … Aber wirkliche Verklärung, wahres Glück tritt in ihr Gesicht, als der Name Claudio Abbado fällt.

Ist das also das Wichtigste? Würde? Vielleicht weil sie immer wieder um ihre Würde kämpfen muss?

Was ihr das Wichtigste sei? Kazumi schaut mich an, den riesigen Rucksack auf dem Boden neben sich.

Und dann antwortet sie: Die Fahrräder. Die Philharmonie solle die Fahrräder nicht mehr so stiefmütterlich behandeln. Richtige Fahrradbügel, und zwar vor den Eingang, nicht hinterm Haus. ¶