Am 7. Oktober wurde im National Sawdust in Brooklyn die Komponistin Du Yun und die CD-Veröffentlichung ihrer mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Oper Angel’s Bone gefeiert. Gespielt wurden Ausschnitte aus dem Werk. Vor dem Konzert fand eine Podiumsdiskussion mit Du Yun, dem Librettisten Royce Vavrek und dem Dirigenten Julian Wachner statt, die von der Ethnomusikologin Lara Peligrinelli moderiert wurde. Du Yuns Oper erzählt vermittelt durch stimmliche, akustische und elektronische Klänge die Geschichte von Mr. und Mrs. XE, zwei Menschenhändlern, die gefallene Engel ausnutzen, um selbst über die Runden zu kommen. Wachner dirigierte fünf Musiker des NOVUS NY Ensembles, die die kühne und intuitiv daherkommende Musik Yuns – inklusive eines Wahnsinns–Oboensolos von Stuart Breczinski – performten. Abigail Fischer und Kyle Pfortmiller füllten mit ihren Stimmen die Figuren von Mrs. und Mr. XE – am Ende war es aber Du Yun selbst, die mit ihrer außergewöhnlichen und ungehemmten Performance des Girl Angel allen die Show stahl.Ich traf Du Yun im künstlerischen Betriebsbüro vor der Diskussion und dem Konzert. Ich war fasziniert von der Leichtigkeit unseres Gesprächs, von ihren witzigen Manierismen, ihrer Mimik und ihrer absolut offenen Sicht auf die Dinge.

Du Yun: (bricht in Kichern aus) Es tut mir leid, aber ich habe gerade meine alberne Phase, die ich immer vor Konzerten bekomme. Nervosität kann ich nicht so gut…

VAN: Bist du nervös?

Nein.

Sondern…?

Ich habe meinen Text noch nicht auswendig drauf. Was soll man da machen?

Vielleicht einfach durchmogeln?

(Lacht)

Du Yun, Angel’s Bone, Brick J; Du Yun (Stimme und Elektronik), Gareth Flowers (Trompete), Pat Swoboda (Bass), Ricardo Romaneiro (Elektronik), David Cossin (Schlagzeug)

Was wirst du heute Abend performen?

Unser Girl Angel kann heute Abend nicht hier sein, also werde ich das Lied Brick J. singen. Das war das erste Lied der ganzen Oper, das Royce und ich uns überlegt hatten. Damals war der Titel des Stücks noch Angel’s Bone. Aber nach zwei Durchläufen in Workshops, Produktionen und so weiter, begannen wir, uns mehr auf die Psyche der Menschenhändlerin zu fokussieren und nicht auf den Engel – das Opfer. Ich bestand auf der Tatsache, dass wir nur zu einem gewissen Grad Empathie mit einem Opfer empfinden konnten, weil wir selbst keine Opfer waren. Wie tief kann man dann selbst überhaupt mitempfinden?

Ich war schon immer daran interessiert, wie weit Menschen gehen, wenn sie die Möglichkeit dazu bekommen, andere auszunutzen. Was Menschen tun, wenn kein anderer zusieht. Das kann ziemlich düster sein. Würdest du die 10 Dollar von der Straße aufheben? 100 vielleicht, oder eine Million? Was, wenn niemand zusieht und es keine Konsequenzen zu befürchten gibt?

Als ich weiter nachforschte, fand ich heraus, dass viele Mädchen ihre Zuhälter als ihre ›Freunde‹ bezeichneten. Wenn man einmal gut drüber nachdenkt, merkt man, dass sexueller Missbrauch und häusliche Gewalt nicht weit von Zuhälterei entfernt sind. Es sind nur verschiedene Formen und Gestalten ein- und desselben.

Letztens habe ich ein Buch über Menschenhandel in den USA gelesen und darüber, dass viele Menschen nicht glauben, das sei hier ein Problem. Es gibt so viele Teenager (oder noch jüngere Kinder) hier, die aus welchen Gründen auch immer – seien es Drogen und der verlorene Kontakt zur Familie – an ›Boyfriends‹ geraten, von denen sie dann auf verschiedene Arten und Weisen ausgenutzt werden…

…genau solche Figuren, die sie dann unter ihre Fittiche nehmen. Das ist ein sehr wichtiges Element in meiner und Royces Geschichte. Zuerst sehen wir, wie den Engeln ihre Flügel gestutzt werden, es wird sich um sie gekümmert – danach sehen wir wie Mr. XE sie pflegt und aufpäppelt. Ich glaube, es gibt viele Beispiele für die Situation, in der sich die oder der Gefangene in ihren oder seinen Peiniger verliebt.

Wie sah der Kompositionsprozess aus?

Ich lüge nicht, ich dramatisiere nur etwas (lacht). Und ich habe ein sehr gutes Gedächtnis. Royce und ich, wir haben uns vor etwa zehn Jahren beim Vox Festival der New York City Oper in die Arbeit des jeweils anderen verliebt. Mir gefiel seine Sprache und seine Sensibilität beim Geschichtenerzählen wahnsinnig gut und wir haben einen ähnlichen Filmgeschmack. Wir wussten also, dass wir irgendwann einmal zusammenarbeiten mussten. Dann bekam ich einen Kompositionsauftrag vom Mann Center for the Performing Arts in Philadelphia. Dort sollte ich eine Kammermusiksache machen, aber ich bekam dafür einen ganzen Abend inklusive eines neuen Werks. Also dachte ich mir: ›Warum diese Möglichkeit nicht nutzen, um ein Projekt mit Royce zu starten?‹ Ich dachte mir, dass wir vielleicht etwas mit Borges’ imaginären Wesen machen könnten.

Du Yun und Royce Vavrek, Angel’s BoneMrs. XE’s Mirror Scene; Abigail Fisher (Mrs. XE), Michael McQuilken (Regie), Julian Wachner (Dirigent), Trinity Wall Street Choir

Dann erinnere ich mich lebhaft an eine Email von Royce: ›Du Yun, ich habe letzte Nacht geträumt, dass ich etwas mit Engeln machen will.‹ Zur selben Zeit habe ich diese Textsammlung über Mittelsmänner gelesen und dachte mir: ›Ich will etwas über Menschenhandel machen‹, und voilà, da waren wir. Es war nicht so, dass ein Librettist mit einem Libretto auftauchte und ich dann die Musik dazu geschrieben habe. Ich bin auch ziemlich stolz darauf, dass wir unsere eigene Geschichte geschrieben haben.

Ich sehe absolut ein, dass Kunst keine Probleme löst. Sie sollte aber als Katalysator zur Problemlösung dienen. Wie du selbst gesagt hast: Die Leute denken, dass Menschenhandel ein weit entferntes Problem ist – dabei passiert es mitten in der Stadt. Und es geht nicht nur um Sex, sondern um viele verschiedene Sachen: Zwangsarbeit, illegale Einwanderung, Visa für Verlobte, undurchsichtige Gesetze und die ganze Industrie, die sich daraus entwickelt hat.

Aber ich bin immer froh, wenn wir Rückmeldungen bekommen. Jemand hat beispielsweise getweetet, dass sie absolut entsetzt sei, dass diese Oper den Pulitzer-Preis gewonnen habe. Sie meinte, das sei Ausbeutung zweiten Grades. Und ich glaube, sie hat auf eine Weise Recht. Aber als wir das Ganze geschrieben haben, dachten wir ja nicht an Preise oder Auszeichnungen. Ich begrüße solche Diskussionen und fördere sie: Wem gehört das Narrativ?

Siehst du dich also nicht als Sprecherin für diesen Teil der Bevölkerung?

Wer bin ich, mich als Sprecherin für andere zu betrachten? Ich sehe mich selbst eher als Journalistin oder Dokumentarfilmerin. Wenn ein Fotojournalist, der Kriege und Konflikte dokumentiert, den Pulitzer-Preis bekommen kann, warum kann ein Musikstück sich dann nicht auch diesen Themen widmen?

Vieles von dem, was sich politische Kunst nennt, ist Schwachsinn. Ich komme aus einem Land, in dem politische Kunst ›ein Ding‹ ist. In unserem Feld gibt es aber eine Menge Komponisten, die damit nichts zu tun haben wollen. Sie sagen dann immer: ›Ein Musikstück ist ein Musikstück.‹ Ich glaube, dass ein gutes Kunstwerk sich auch mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit auseinandersetzen kann. Das muss sich nicht gegenseitig ausschließen. Es braucht aber Sensibilität, Einfühlungsvermögen und eine Menge Nachforschung.

Ein Still aus dem Film Gossamer mit Shahzia Sikander (2010)

Ich frage mich, was du über Inhaltswarnungen, so genannte ›trigger warnings‹, denkst, insbesondere im Bezug auf die Oper, aber auch generell.

Ich habe eine Freundin, die heute Abend kommt und die mich gefragt hat, ob sie ihre Kinder mitbringen kann. Ich meinte dann: ›Vielleicht besser nicht.‹ Ich würde sagen, schau dir diese Oper nicht an, wenn du elf Jahre alt bist.

Ich unterrichte am Peabody Conservatory und habe letztens an einer anderen Uni einen Vortrag gehalten. Nach dem Vortrag sind wir noch etwas trinken gegangen und die Professoren haben sich über trigger warnings unterhalten. Das ist gerade echt ein Riesending, besonders an geisteswissenschaftlich orientierten Colleges. Dort müssen sogar trigger warnings ausgegeben werden, wenn sie sich Schubert anschauen.

OK. Manchmal kann ich kontrovers sein. Ich bin dahingehend angreifbar, dass ich nie Opfer politischer Repression, von Vergewaltigung oder Missbrauch war… aber ich denke, dass das innerhalb des Bildungssystems völliger Quatsch ist. Das Leben ist hart und man kann nicht so tun, als sei es ein Vakuum, wenn man andere Leute unterrichtet. Bevor Katastrophen geschehen, bekommt man auch kein verdammtes trigger warning. Da ist so eine ultra-progressive Sache, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann.

Eine mit der Organisation des Abends betraute Person kommt in den Raum. Nachdem ich mich vorgestellt habe, steht auf einmal das Phantom meiner Rezension der »Ostrava Days« im Raum: »Oh, du bist diese Rebecca! Du bist ganz schön herumgekommen zuletzt!«

Du bist diese Rebecca – was soll das heißen?

Ich habe über Sexismus auf einem Musikfestival geschrieben und die Organisatoren und Teilnehmer des Festivals waren ziemlich wütend darüber.

Ah, das! Du warst das! Sehr gut. Weißt du was: Die Leute sollten wütend darüber sein. Alle diese Männer. Ich kann dir sagen: Diese Männer… all diese Männer! ›Hmm, weißt du, nur der Debatte zuliebe.‹ (Sie kreuzt ihre Beine und schürzt ihre Lippen). Aber eigentlich wollen sie sich nur vor allem in Deckung bringen, weil sie alle Männer sind und weiß und so weiter. Sie denken bei sich: ›Ich weiß, dass ich progressiv sein muss und sensibel, aber dann machen die Frauen diesen ganzen Aufruhr – wie fühle ich mich wirklich mit diesen ganzen Sachen?‹ Sie müssen erzogen werden!

Du Yun wird gebeten, sich für den Auftritt bei der Diskussion und für das Konzert bereit zu machen.

Moment, das ziehst du aber nicht an, oder?

Nein, das ist mein Schlafanzug. Aber ich kann mich sehr schnell umziehen. Tut mir leid, ich habe zu viel geredet. Ich bin wie diese historische Figur zur Zeit der Chinesischen Revolution, dieses Mädchen von 13 oder 14 Jahren, das immer über die Felder gezogen ist und sich die Köpfe der japanischen Armee geschnappt hat: ›Yaaaa‹. Natürlich ist sie irgendwann gestorben, aber sie ist eine Nationalheldin. Wenn wir schon von trigger warnings reden. Und die Leute fragen mich immer, warum ich so rede als sei ich sie, ohne jegliche Subtilität…

Du Yun, Tattooed in Snow; Shanghai Quartet 

Von deinen Fingerspitzen hängen definitiv einige metaphorische Köpfe. Hast du noch etwas zum Abschluss zu sagen?

Ich würde gerne über Gleichberechtigung reden, Ich denke, es ist wichtig darüber zu reden. Viele Männer sagen: ›Oh, darüber will ich nicht reden.‹ Das ist aber die ultimative Freiheit – sich dazu entscheiden zu können, es nicht zu tun.

Und wenn wir über soziale Gerechtigkeit reden, kann es nicht nur um Schmerz und Leid gehen, weil Leute das auch wieder ausnutzen können. Und selbst wenn man Programme 50/50 aufteilen würde, würde das nicht das Problem lösen, wenn Frauen ihre Stimmen nicht frei äußern können. Gleichheit ist nicht nur Statistik – Gleichheit bedeutet, die Würde zu besitzen, das sagen zu können, was wir sagen müssen.


Du Yun bricht in Kichern aus und spricht dann von Trigger Warnings, politischer Kunst (beides Schwachsinn), Ausnutzung und der Angst der Männer. In @vanmusik

So wie du geschrieben hast: Was heißt Diversität wirklich? Was würde es wirklich bedeuten, mehr Frauen auf die Programme zu setzen? Frauen haben wir jedenfalls, aber fördern tun wir Künstlerinnen nicht – und genau da liegt das Problem. ¶