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Das Festival ›Berlin is not Bayreuth‹ schafft eine seltsame Annäherung: Nicht an Wagner, sondern an die Realität seiner Oper Tannhäuser.

Text & Fotos · Datum 4.9.2019

Die Sonne gleißt über Deutschland. Ein herrliches Wetter für Zauneidechsen, auf warmen Steinen räkeln sie ihre Körper. Als ich das Gelände der B.L.O.-Ateliers betrete, treffe ich dort Stefanie. Sie faltet gerade Programmzettel für das Festival ›Berlin is not Bayreuth‹, bei dem sie als Dramaturgin mitwirkt. Es ist der letzte Sonntag im August und der letzte Tag des Festivals. Ich frage, wie es bisher gelaufen ist. Gut, sagt sie; viele Leute seien dagewesen und hätten auch beim Mitmachtheater mitgemacht, was im abgebrühten Berlin ja nicht selbstverständlich sei. Mitmachtheater, mh-hm, denke ich. Fünfeinhalb Stunden später liege ich auf einem Tuch und lasse mir von einer Performerin in Regencape den Hintern versohlen. Anschließend wälze ich mich über den Boden und versuche, imaginäre Insekten von mir abzustreifen. Das Ganze in der Hoffnung, der Papst möge mir meine Sünden vergeben. Was ist geschehen?

Achtung, Crossmedia! Hier lässt sich der Sound zum Text anschalten.

Gehen wir einen Schritt zurück, zurück zu den Zauneidechsen. Mit Vorliebe besiedeln sie Waldränder, Wildgärten und Bahndämme, und so auch das frühere Bahnbetriebswerk Berlin-Lichtenberg-Ost. Wegen ihrer artgeschützten Existenz (und des Einsatzes lokaler Initiativen) bleibt das Gelände bis mindestens 2024 für kulturelle Nutzung vorgesehen, von Bebauungsplänen unbehelligt. Es ist also auch diesen Reptilien zu verdanken, dass stattfindet, was hier stattfindet: Berlin is not Bayreuth. Ein Festival als Gegenveranstaltung zu den Wagnerschen Festspielen? Auf jeden Fall ist es eine Inszenierung von Wagners Tannhäuser, die die etwa 1.000 Festivalbesucher*innen hier, ja, vorfinden werden: Der Flachbau rechterhand birgt den Venusberg; schräg gegenüber, hinter Holzzäunen, befindet sich das ›Wartburg-Camping‹. Ein Rondell bietet die Bühne für den Sängerstreit, gelbe Schilder weisen nach ›Little Italy‹. Diese Orte bespielen für drei Tage verschiedene Akteur*innen der Berliner Performancewelt:

  • Das Helmi (bekannt aus dem Ballhaus Ost) mit Cora Frost (alias Peter Frost und Kottiqueen),
  • Vanessa Stern & Ensemble (bekannt aus den Sophiensælen),
  • Tanga Elektra (Soul- und Elektro-Duo),
  • Melentini (griechische Musikerin, Soundtrack zu ›Afterlov‹),
  • Romano (bekannt für Videos wie dieses) sowie
  • glanz&krawall (fortan bekannt als Veranstalter von ›Berlin is not Bayreuth‹).
Irgendwas mit Wagner: der Eingang zum Festgelände.
Irgendwas mit Wagner: der Eingang zum Festgelände.

Noch ist es Dienstag; drei Tage, bis dieses Festival zum ersten Mal startet. Ich schleiche über das Gelände, um noch vor dem Besucher*innensturm einige Aufnahmen zu machen. Vielleicht denken die anderen Menschen, ich wäre Teil von irgendwas, auf jeden Fall grüßen alle sehr freundlich. Untypisch für Berlin. Eine Frau kommt auf mich zu, fragt was ich mache; sie heißt Stefanie. Ob ich nicht mit Marielle und Dennis sprechen möchte, die beiden leiten das Festival (glanz&krawall). Klar, warum nicht. Also sitze ich mit ihnen in der Sonne. Sie erzählen, dass sie sich eine Operninszenierung mit Rockfestivalfeeling wünschen. Dass sie das Wagner-Feld nicht den klassischen, großen Institutionen überlassen wollen; einen offenen, anarchischen Zugang suchen. Darum bekommen die Künstler*innengruppen auch kaum Vorgaben. Dennoch merke ich, dass die Organisation stimmt, bis ins Detail. Etwa in Person von Katja und Johannes. Sie sind Bühnenbildner*innen, und verantworten die Gestaltung des Geländes. Auch bei ihnen: wenig Vorgaben seitens der Direktion. Allein: »Es war gewünscht, den Festspielhügel in Bayreuth zu zitieren. Ein grüner Hügel für Arme. Wir werden ihn mit grünen Sitzsäcken nachstellen.« Darüber hinaus gibt es Referenzen an Wagners Zeit als Sozialrevolutionär (die ›BARKUNIN‹) und eine Stele in Gedenken an Erich Honeckers Zug, der zu DDR-Zeiten meist auf diesem Gelände stand (Honecker fuhr nicht gern Zug). Ein Festival als Gesamtkunstwerk im Sinne Wagners, sagen Dennis und Marielle – nur ohne individuelles Genie. Stattdessen: geniale Kollektive.

Die Tuba im »Wald«.
Die Tuba im »Wald«.

Sonntag stehe ich an der Kasse und beobachte die Gäste. Stefanie erklärt ihnen den Programmablauf. Bei unserem Wiedersehen haben wir uns fast familiär begrüßt, als wäre ich wirklich ein Teil des Festivals. Ich überlege und denke: Bin ich ja eigentlich auch. Kollektive Teilhabe und so. Ablauf und Inhalt des Festivalprogramms sind jeden Tag gleich. Wie bei einem richtigen Festival gibt es aber Überschneidungen, sodass man eigentlich mehrmals kommen muss, um alles mitzukriegen. Ich überlege mir, welche Acts ich unbedingt sehen will, kann mich aber nicht recht konzentrieren. Die bunte Deko flattert im Wind, die Geräusche der S-Bahn-Station Nöldnerplatz dringen von fern herüber. Es ist merkwürdig: Nur eine Haltestelle vom Ostkreuz entfernt, habe ich doch das Gefühl, irgendwie entrückt zu sein. Dieses Gefühl wird noch zunehmen.

Langsam trudeln die Leute ein. Hippe junge Menschen unter 40 sind in der Überzahl, Familien. Doch es gibt auch ältere Semester in Abendgarderobe, die vielleicht weniger das Line-up aus Off-Theater-Gruppen als das Schlagwort ›Bayreuth‹ hierher gelockt hat: »Gibt es noch Karten zu kaufen?«, fragt ein älterer Herr – klar, gibt es noch. Das ist ja nicht Bayreuth.

»Wagner, Hitler, Wagner!«, Bonbons zur Belohnung.
»Wagner, Hitler, Wagner!«, Bonbons zur Belohnung.

Wahrscheinlich ist es möglich, ein Carmen-Festival zu veranstalten, ohne großartig auf Georges Bizet einzugehen. Man kann man sich sogar ein Faust-Wochenende vorstellen, an dem Johann Wolfgang von Goethe weitgehend außen vor bleibt. Bei Wagner geht das nicht. Zu viel historischer Ballast klebt an diesem Werk, zu sehr polarisiert die Person. Ist ein unverkrampfter Umgang damit möglich? Ja, mit Kindern. Eine ganze Horde hat sich eingefunden auf dem grünen Sitzkissenhügel, um noch vor der Ouvertüre im Wagner-Quiz gegeneinander anzutreten. Eine der Kategorien: Hitler oder Wagner – wer hat‘s gesagt? Und so rufen Grundschüler*innen unbedarft und eifrig ratend die Namen dieser beiden durcheinander und räumen damit die Bühne frei für das eigentlich Interessante: die Beschäftigung mit Wagners Musiktheater.

Die Ouvertüre.
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Dann geht es los. Die Ouvertüre. Alle Künstler*innen versammeln sich auf dem Vorplatz, im Schatten des Venusbergflachbaus. Jede hat ein Instrument in der Hand, aber nicht jede ist Musiker: Während eine solide Zahl an Blechbläsern vertreten ist, warten andere mit marginalem Schlagwerk auf (Triangel, Glockenspiel), neben Streichern ist auch eine Melodica besetzt. Und so erklingt die bekannte Weise, und trotz Gelächter und falscher Harmonie schwingt doch eine Prise Erhabenheit in der Musik. Wichtiger als die Partitur ist in den meisten Performances aber die Story. Wagners Libretto ist ein eigenwilliges Amalgam aus Sagen über die Minnesänger Tannhäuser und Heinrich von Ofterdingen. Aus ihnen wird Heinrich Tannhäuser, der eine unbestimmte Zeit unendlicher Sinnlichkeit im Venusberg zugebracht hat, der Göttin entflieht, neuen Lebensmut in höfischer Liebe zu Elisabeth schöpft, seine heidnischen Frevel aber während eines Sängerwettstreits (Thema: Liebe!) offenbart und darum zunächst nach Rom pilgern muss. Dort vergibt ihm der Papst nicht, woraufhin er, zurück in Thüringen, auf ebenso rätselhafte aber erlöste Weise stirbt, wie vor ihm Elisabeth.

Tanga Elektra spielen im Rondell.
Tanga Elektra spielen im Rondell.

Diese Motive werden von Tanga Elektra im Schnelldurchlauf in einen modernen (Berliner) ›Tangahäuser‹ übersetzt: Gesangs-Contest in der Mercedes-Benz-Halle; Tangahäuser ist drogensüchtig, der Venusberg ist das Berghain. Originaler Operntext (»Stillt eure Triebe!«, »Dich grüß ich wieder …«) wird dabei gekleidet in einen Ritt aus Hip-Hop, Jazz und Reggae (darauf steht Elisabeth am meisten). Diese Revue ruft noch einmal die Handlung in Erinnerung, während ich mich in der späten Nachmittagssonne über den satten Bass der Lautsprecher freue.

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Ich schlendere weiter zu glanz&krawall auf dem Wartburg-Campingplatz. Ein ehernes Schild in Batman-Stil zeigt das Revier an (gefertigt übrigens von einem in den B.L.O.-Ateliers ansässigen Schmied). In der Residenz des Landgrafs Hermann sehen wir den Hofstaat beim Badeappell. Alles geht förmlich zu und campig-spießig, Tannhäuser ist noch nicht eingetroffen. Es gibt, natürlich, ein Camping-Regelwerk und eine Radiostation. Nun muss ich leider weiter: Der Venusberg ruft! Immerhin hat glanz&krawall drei Teile, für den Sängerkrieg werde ich rechtzeitig am Rondell sein. Jetzt aber hinein in den Berg!

Schöne rote Flöte! Satyr und Blasebalg.
Schöne rote Flöte! Satyr und Blasebalg.
Klick‘ hier für den Venusberg!

Hier ist einiges anders, als man es Wagners Regieanweisungen entnimmt. Keine Venus, kein Tannhäuser. Dafür antikes Mythenpersonal. Eine Najade, die (nach eigener Aussage) so schön ist, dass sie ein Gewand aus Algen trägt, damit ihre Brüste ihr nicht die Show stehlen. Und ein Satyr, der darunter leidet, seiner griechischen Sagenheimat entrissen worden zu sein und nun im Wagner-Sujet rumzuhängen (»Wagner ist ein Spinner!«). Dafür kann er sehr, sehr, sehr gut blasen. Jedenfalls verglichen mit seinen anderen Fähigkeiten. Später, beim Publikumsgespräch, wird kritisiert, dass Vanessa Stern und ihr Ensemble sich zu wenig mit den Frauenrollen auseinandergesetzt hätten. Sinnliche Venus auf der einen, heilige Elisabeth auf der anderen Seite, das gibt ja immerhin viel Material. Es ist Cora Frost (s.u.), die bemerkt, dass für Künstlerinnen das ewige Abarbeiten an Frauenrollen irgendwann schlichtweg langweilig sei. Punkt. Die Kostüme der Schauspielerinnen sind so gestaltet (inkl. Riesenzähne), dass selbst dem heteroischsten Hetero-Mann (Richard?) jede sexuelle Projektion versagt bleibt. Stattdessen schauen wir von außen auf diese notgeilen Sagenfiguren. Schlauer und schöner kann man 10.000 Jahre Male Gaze nicht kommentieren. Und dabei entfachen diese vier Frauen pure Lust am Schauspiel. 45 Minuten geiles Theater.

Ines Hu, Valerie Oberhof, Vanessa Stern und Stephanie Petrowitz (v.l.)
Ines Hu, Valerie Oberhof, Vanessa Stern und Stephanie Petrowitz (v.l.)

Wieder draußen. Jetzt geht es zurück zu glanz&krawall, zum Sängerstreit – genau wie im echten Tannhäuser. Nacheinander treten sie auf: noch einmal Tanga Elektra, dann Peter Frost, ein abgehalfterter Schlagersänger, und schließlich Romano – alle singen über die Liebe, während Tannhäuser im Publikum immer mehr durchdreht. Schließlich ergreift er das Mikrophon und spricht von Intrigen, die vom Hauptstadtkulturfond ausgehen – ich merke, dass mir durch meine Zeit im Venusberg einige Insider aus der Wartburg fehlen. Zum Glück bricht da gerade ein Pilgerzug (das Helmi) von hinten durch die Menge. Ich kann mich ihnen anschließen und auf dem Weg nach Little Italy für meine Säumnisse büßen. Dafür verpasse ich zwar eine Talkshow zum Thema Kunst auf dem Rondell, ich fühle mich aber ohnehin unmündig und unter demütigen Pilger*innen besser aufgehoben.

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Pilgergesänge

Wir nähern uns dem Ende. Aber Wagner-Opern sind schließlich nicht deshalb lang, weil sie langatmig erzählen, sondern weil viel passiert. So ist es hier auch. Nach der Alpenüberquerung und Begegnung mit seltsamem Damwild treffen wir in Rom ein und dort auf den Papst. Er (Cora Frost) präsentiert uns »some beautiful rituals«, darunter Fußwaschungen, Orangentanz und das Nachstellen berühmter Bildmotive (Kreuzigung, Pietà). Dazu gibt der Papst dezidiert Anweisungen (»no dwarf at the cross!«). Das Ganze ist auch deshalb so schön, weil wir uns hier gewissermaßen in einem Tannhäuser-Spin-off befinden. Der Reise nach Italien sind in Wagners Oper einige Verse Bericht gewidmet, sie ist kein Schauplatz der Handlung. Umso freier und leichter kann man sich in sie hineinimaginieren. Währenddessen schallt von irgendwoher ein Sopran über das Gelände. Das ist nun wirklich Festivalfeeling. Schließlich kommt es zur eingangs beschriebenen Sequenz mit dem Popo-Klopfen. Ich kann nicht behaupten, mich freiwillig gemeldet zu haben, aber ich wehre mich wenig. Die Atmosphäre ist freundlich, die Sache kaum unangenehm. Am Ende fühle ich mich tatsächlich irgendwie gereinigt.

Ungekannte Szenen aus Italien: der Papst bei katholischem Ritual.
Ungekannte Szenen aus Italien: der Papst bei katholischem Ritual.

Eigentlich bin ich matt und will gehen, schaue nur noch einmal beim Rondell vorbei, wo Melentini gerade ihre letzten Töne spielt. Mit meiner Stehnachbarin komme ich ins Gespräch und erkundige mich, was sich hier zugetragen hat. Ich erzähle ihr von Italien. Danach denke ich an meine Wohnung in Berlin und habe vergessen, dass ich mich noch immer in der Stadt befinde. Jetzt spielt hier Romano, erfahre ich und beschließe, mir einen oder zwei Songs anzuhören. Was dann kommt, haut mich um. Er rappt von Maseratis im Burghof und singt zu stampfenden Elektrobeats »Ich bin Tannhäuser und GEIL«. Mit einer Kraft und Intelligenz in den Texten, mit Bühnenpräsenz und Verwandlungsgabe, die die Leute ausrasten lässt. Smartphones drängen sich vor der Bühne, Romano grinst in sie hinein. Als er mit Barockperücke auf dem Haupt von der Liebe spricht, erschließt sich mir ein Gedanke: Unter allem klebrigen Pathos in Wagners Stücken liegt letztlich ein Gefühl. Kodiert in einer Zeit, manchmal durch mehrere Zeiten hindurch verzerrt, trotzdem erfahrbar. Wagner hat, während er an einem Stoff arbeitete, seine Briefe mit dem Namen seiner Protagonisten signiert (Wissen aus dem Quiz). Ja, irgendwie ist das gaga und bekloppt. Aber vielleicht ist es auch nur ein immersiver Trick, eine Achtsamkeitsübung. Auf diesem Festival jedenfalls war man weder Berlinerin noch Bayreuther. Wir waren Tannhäuser. ¶

Das Festival ›Berlin is not Bayreuth‹ schafft eine seltsame Annäherung: Nicht an Wagner, sondern an die Realität seiner Oper Tannhäuser. Ein Streifzug inklusive Buße und Auspeitschen in @vanmusik.

Romano, Tannhäuser, Ende.
Romano, Tannhäuser, Ende.