»Ich bin fixiert auf diesen Gedanken, dass die Winterreise nie endet«, erklärt Benedikt Kristjánsson die Grundidee seiner Winterreise perpetuum beim Beethovenfest Bonn. Und er nimmt sie ernst: Nach dem letzten Akkord des Leiermanns, des letzten Liedes des Zyklus, tut der 35-jährige Tenor es dem hier Besungenen gleich und beginnt sofort wieder von vorn mit dem schon Bekannten. Mit dem Zyklus dreht Kristjánsson sich im Kreis, »und seine Leier steht ihm nimmer still«. 

24 Stunden möchte der Isländer so singend durchhalten, beginnend am Samstagabend mit dem Pianisten Fabian Müller im leer gepumpten, bestuhlten und zur Bühne umfunktionierten Schwimmbecken des Viktoriabads, direkt unterm Fünf-Meter-Sprungturm, dann irgendwann in den frühen Morgenstunden alleine singend und laufend aus dem Bonner Zentrum zur kleinen Beethovenhalle, wo am Sonntagabend – nun wieder mit Fabian Müller – das Abschlusskonzert stattfinden soll. Auf den blauen Kacheln des Schwimmbeckens im Viktoriabad stehen darum nicht nur die Musiker und ein Konzertflügel, sondern auch ein Stuhl, ein Tisch mit vier Dosen Red Bull, Äpfeln, einigen Wasserflaschen, Snacks (getrockneter und gesalzener Schinken, wie Kristjánsson mir im Nachhinein verrät) sowie den Noten der Winterreise und: ein Toilettenhäuschen. Denn Kristjánsson hat nicht vor, die Bühne vor Sonnenaufgang zu verlassen. 

Foto © Niclas Weber / Beethovenfest Bonn 2022

In ihrer gesanglichen Schlankheit und den feinen Details erinnert seine Winterreise an diesem Abend an die Mark Padmores, wobei einen das Frösteln und Mitfühlen gerade in den mitunter kristallklaren hohen Lagen noch mehr packt. Kristjánssons Geselle ist sehr jung. Und völlig ungekünstelt. Spitzentönen, die man aus anderen Interpretationen als herausgepresste Schreie gewohnt ist, verleiht der Tenor Schärfe und durchdringenden Klang, nutzt dabei aber deutlich weniger Druck als andere Sänger. Das hat bei so einem Sing-Marathon auch ganz pragmatische Gründe, berichtet Kristjánsson am Sonntag: »Das war gestern meine erste Winterreise und ich wusste: Ich hatte einiges zu tun danach. Obwohl ich das nicht wollte, ist das in meinem Gehirn und ich spare.« Ein wenig wirkt es, als würde der Wanderer, wenn er von Tränen, die er weint, oder der mit ihm ziehenden Krähe spricht, nicht von Vorkommnissen künden, die ihn im Moment des Singens auf seinem Weg plagen, sondern solchen, die schon lange zurückliegen, ihm aber in ihrer Intensität beim Erzählen noch immer sehr präsent sind. In diese Wahrnehmung könnte auch eine andere Paraderolle Kristjánssons mit hineinspielen: Als »geborener Evangelist« machte er in Pandemiezeiten mit einer Johannespassion für nur drei Musiker:innen (mit ihm als einzigem Sänger) von sich reden. Man kennt ihn als einen, der berichtet. Dass Ereignisse, die, so scheint es in seiner Winterreise, vielleicht sogar schon seit Jahren vergangen sind (und nicht nur die wenigen Monate zwischen Mai und Wintereinbruch), den Wanderer noch immer derart schmerzen, berührt in dieser Version umso mehr. Schon im allerersten Durchgang von Winterreise perpetuum entsteht so allein durch Kristjánssons gleichermaßen distanzierte wie intensive Interpretation das Bild: Es gibt keinen Ausweg, wir stecken schon lange fest in Schmerz und Erinnerung. 

Fabian Müller und Benedikt Kristjánsson beim Eröffnungskonzert im Viktoriabad. Am Flügel muss sich der Sänger festhalten, weil er eine Fußverletzung hat. »Das mache ich sonst nie«, meint er. Man brauche die Hände doch für den Ausdruck. • Foto © Niclas Weber / Beethovenfest Bonn 2022

»Der Zyklus endet ja mit einem Fragezeichen«, erklärt mir Kristjánsson einen Tag später. »Es findet keine Erlösung statt. Und das ist einfach dieser Gedanke bei mir: Ich mache das einfach weiter, weil man festhängt.« Zum Ende des Leiermanns haben viele im vollbesetzten Konzertsaal in diesem großartigen ersten Durchgang schon die Hände zum Applaus erhoben. Der Sänger lässt es jedoch nicht dazu kommen, beginnt nahtlos wieder mit »Fremd bin ich eingezogen«, diesmal ohne Klavier. Es herrscht atemlose Stille, niemand klatscht. Viele lassen die erhobenen Hände verwundert sinken, ein Herr schlägt sie gar in Verzweiflung still über dem Kopf zusammen. Mein Sitznachbar beschwert sich wispernd: »Ich will aber klatschen, er hat das so gut gemacht!« Im Programmheft ist zwar eine 24-Stunden-Performance angekündigt, aber entweder hat hier niemand aufmerksam genug gelesen (bei der Winterreise weiß man ja für gewöhnlich, was kommt), oder sich schlicht einfach nicht vorstellen können, dass hier wirklich ohne Pause durchgesungen wird. Pianist Fabian Müller sitzt nach seinem farbenreichen und perfekt mit Kristjánsson abgestimmten Spiel im ersten Durchgang jetzt mit verschränkten Armen auf dem Klavierhocker und geht schließlich zur Textzeile »Was soll ich länger weilen, dass man mich trieb hinaus?« deutlich hörbar durchs Publikum ab. Noch schließt sich ihm keiner an. Kristjánsson lässt sich derweil vorne singend auf den Stuhl sinken. In der Hand hält er eine Krücke, die keine Requisite ist, sondern notwendig: Wenige Tage zuvor hat der Tenor sich bei einem Auftritt verletzt, die tatsächliche Wanderung durch Bonn muss also ausfallen, aber hier auf der Bühne will Kristjánsson so lange durchhalten, wie er mit der Verletzung kann. Im zweiten alleine vorgetragenen Lied weicht die atemlose Stille im Publikum einer Unruhe, man schaut sich um, tuschelt. Eine Sitznachbarin meint schockiert: »Ich glaube, der hört gar nicht mehr auf zu singen!« Passend zur Textzeile »Was fragen sie nach meinen Schmerzen?« verlassen die ersten den Saal. Wenig später versucht das verbliebene Publikum doch noch zu klatschen, hört aber schnell wieder auf, als der Tenor einfach weiter singt und den Applaus völlig ignoriert. Viele im Publikum wissen jetzt sichtlich nichts mehr mit sich anzufangen. Ein Großteil vermeidet das einfache Dasitzen, indem man erstmal das Handy zückt und filmt. 

Ohne Pianist richtet Kristjánsson seine Winterreise überhaupt nicht mehr an das Publikum. Vom packenden Erzähler wird er zum scheinbar Betrunkenen, der mit sich selbst redet und eigentlich immer wieder dasselbe sagt. »Ohne Klavier ist es nicht mehr Schubert. Deswegen wollte ich einen klaren Bruch machen: Jetzt ist es in sich gekehrter Gesang, eine viel langsamere, für sich gesummte Variation.« Der Tenor schwankt mitunter im Tempo, bleibt durchgängig leise, markiert die Töne zum Teil eher, als dass er sie singt. Dass er die Spitzen auch so im Daherplappern erwischt, als würde die Stimme vor unterdrücktem Schluchzen nach oben ausbrechen, macht das Ganze fast noch eindringlicher – wie auch die Tatsache, dass er es schafft, auch in diesem Modus Worte und Emotionen über das Geraschel der Gehenden und völlig ohne jeden Blickkontakt zu transportieren. Zwei Lieder lässt Kristjánsson, der durchweg auswendig singt, in diesem ersten A capella Durchgang versehentlich weg. »Aber das ist mir danach, glaube ich, nicht mehr passiert«, meint er im Rückblick. Als Zuhörende ist man sich selbst auch gar nicht sicher: Hat man diese Lieder nun gerade verpasst, weil man in Gedanken oder gar kurz eingenickt war? Was hat man überhaupt in diesem Durchgang gehört und was eben schon? Alles verschwimmt. Alles dreht sich.

Foto © Niclas Weber / Beethovenfest Bonn 2022

Kristjánsson beginnt trotz Krücke im Schwimmbecken umherzutigern, wirkt wie ein eingesperrter Panther im Zoo, in einem dieser gekachelten Innenräume, wie es sie in Raubtierhäusern gibt. Bei den Nebensonnen gen Ende des zweiten Durchgangs befinden sich außer ihm nur noch sechs Gäste im Becken des Schwimmbads. »Die Grundidee ist super, weil diese Situation so unglaublich unangenehm war für die Zuschauer«, meint Kristjánsson. »Manche sind ganz sturrköpfig, wollen bis zum letzten Lied bleiben und dann: Nein! Auch nicht!« Denn auch nach dem zweiten Leiermann geht es wieder von vorne los. Nun verlassen alle Gäste bis auf ein letzter Zuhörer den Saal.

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Kein Ende auch nach dem zweiten Durchlauf der Winterreise. Beim dritten Mal Gute Nacht wird das verbliebene Publikum merklich unruhiger. Im Nebenraum wird schon für die nächste Veranstaltung aufgebaut.

Irgendwann im dritten Durchgang macht Kristjánsson seine erste Pause, geht auf die bereitgestellte Toilette, isst einen Apfel, holt sich dann einen Ton vom Klavier und singt weiter. »Ich hatte eigentlich vor, jede Stunde eine Pause zu machen, zehn Minuten lang«, erzählt er später. »Das habe ich aber erst gar nicht gemacht, weil ich gemerkt habe: Die Leute wollen klatschen und das möchte ich vermeiden. Darum habe ich immer weitergemacht.« Im durch eine Wand aus Glasscheiben abgetrennten Kinderbecken nebenan hat derweil eine Party des Kollektivs Chin Chin begonnen. Eine bärtige Gestalt mit roter Badehose und Lederharnisch legt auf, Housemusik dringt durch die Scheiben.

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Rückblick mit Chin Chin Party

»Viele Momente bekamen da eine andere Bedeutung«, erinnert sich Kristjánsson am Sonntag. »Das war immer abhängig davon, was im Raum los war. Als die Party anfing, war ›Ein Licht tanzt freundlich vor mir her‹ pure Absurdität. ›Es schrien die Raben vom Dach‹ und im nächsten Raum gab es Nacktkaraoke. Und auch ›Eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück‹, aber ich ging immer im Kreis. ›Nun weiter denn, nur weiter, mein treuer Wanderstab‹, und ich hatte die Krücke, das war natürlich auch sehr bildhaft. Und ›so zieh ich meine Straße dahin mit trägem Fuß‹.« Bis halb fünf Uhr morgens hält der Tenor durch, wie oft er die Winterreise in dieser Nacht singt, weiß er selbst nicht. »Ich habe die Durchgänge nicht gezählt. Mehr als 20 waren es nicht, glaube ich.« 

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Da die Fußverletzung die Wanderung unmöglich macht, schläft Kristjánsson außerplanmäßig doch ein paar wenige Stunden, bevor er am Sonntagmittag allein in der kleinen Beethovenhalle wieder zu singen beginnt und weitermacht, bis die Performance mit dem eigentlichen Abschlusskonzert endet.

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Gefrorne Träne aus einem der Solo-Durchgänge am Sonntag in der kleinen Beethovenhalle

Sein Solo-Gesang wirkt heute weniger wahnhaft als in der vergangenen Nacht, eher erschöpft und dadurch noch trauriger. Als zunehmend Leute den Saal betreten, wird der Tenor eher leiser, als dass er versucht, die Geräusche zu übertönen. Eine ältere Dame neben mir fragt ihren Sitznachbar: »In der Zeitung stand, der hat nicht geschlafen. Ich versteh gar nicht, warum? Dann singt der doch jetzt auf gutdeutsch scheiße?« Die Frage ist berechtigt, die Sorge aber unbegründet. Als Pianist Fabian Müller die Bühne schließlich wieder betritt, wirkt Kristjánsson wie ausgewechselt. Er sucht Blickkontakt, singt aufbrausender und sogar noch mit mehr Nachdruck als im ersten Konzertdurchgang am Tag zuvor. Das ganze wirkt wie ein Zeitsprung: an den Anfang, kurz nach der Trennung des Wanderers, als die Wunden noch ganz frisch sind. »Heute war es das letzte Mal, da hatte ich keine Angst und habe alles gegeben, was ich kann«, erzählt Kristjánsson nach dem Konzert. »Und meine Stimme war sowieso so müde, dass ich manchmal drücken musste, damit die Töne tatsächlich kommen.« Riskanter als die Spitzentöne scheinen in diesem Abschlusskonzert die Tiefen, die sehr dünn und fahl daherkommen, was wiederum gut zur Todessehnsucht des Protagonisten passt. Nach den letzten Tönen des Leiermanns wirkt Kristjánsson vor allem eins: erlöst. Auch Fabian Müller scheint sich sichtlich mitzufreuen, dass sein Partner durchgehalten hat, das Publikum darf endlich klatschen, minutenlang, standig ovations. 

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Das Ende des wirklich letzten Leiermanns
Foto © Niclas Weber / Beethovenfest Bonn 2022

Nach einer Nacht mit Kristjánssons Tenor-Winterreise fragt man sich, warum dieser Zyklus heute eigentlich recht fest in Bariton-Händen ist. Immerhin hat Schubert selbst dieses Werk für Tenor geschrieben, und eine hohe, noch etwas jungenhafte Stimme passt viel besser zu einem Wandergesellen als die eigentlich gewohnte reifere Tiefe. Aus Kristjánssons klarem Timbre spricht ein jugendlicher Existenzialismus, wie man ihn nur beim ersten starken Verliebtsein und dem erschütternden Danach spüren kann, wenn man denkt, man müsse an gebrochenem Herzen sterben, es dann aber eben doch nicht tut. Die bekannten Bariton-Versionen der Winterreise wirken nach dieser Nacht in Bonn ein wenig wie das wehleidige Klagen gutsituierter Herren in der Midlife-Crisis, die zwischendurch auch noch unangenehm aufbrausend sind. Der Schauspieler Charly Hübner beschrieb die Winterreise in VAN einst als »spätpubertäre Jünglingsfantasie«. Und wer stimmlich klingt wie ein Mann in den späten Vierzigern, bei dem sind spätpubertäre Gefühlswirren oft eher peinlich als berührend. Schubert selbst war ja auch erst dreißig Jahre alt, als er die Winterreise komponierte, ebenso wie Wilhelm Müller, als dieser die Textvorlage verfasste. 

Sowohl für Benedikt Kristjánsson als auch für den Pianisten Fabian Müller war die Bonner Winterreise die erste auf der Bühne. »Das Stück ist ja so ein Gipfel, einfach der Liederzyklus«, erzählt der Tenor. »Ich hatte Angst vor dem Scheitern und darum wollte ich so ein Projekt machen, bei dem ich eigentlich nur scheitern kann – aber ja auch nur gewinnen. Weil ich jetzt sagen kann: Das nächste Mal, wenn ich die Winterreise aufführe, ist mir jetzt glasklar geworden, was ich mit Dramaturgie machen möchte.« So versteht Kristjánsson einige Lieder und ihre Position im Zyklus nach diesen 24 Stunden viel besser: »Der Stürmische Morgen und Mut, diese zwei kurzen, schnellen, aggressiven Lieder kommen zu einem Zeitpunkt, an dem man erst denkt: ›Ok, ich kann nichts damit anfangen.‹ Und jetzt habe ich es verstanden. Wirtshaus ist für mich der Gipfel, der Höhepunkt, denn da kommt dieser Choral: Jetzt kommt endlich meine Erlösung. Jetzt darf ich sterben. Bei Schubert ist der Tod ja immer in Dur.« Und dann folgt der Tod aber eben nicht: »›Sind denn in diesem Hause die Kammern all besetzt? Du weisest mich ab! Nun weiter, nur weiter …‹ Und das ist so unerbittlich, so schrecklich. Und dann das nächste Lied: Mut. ›Fliegt der Schnee mir ins Gesicht, schüttle ich ihn herunter.‹ Also: Ich muss mich noch mit den Problemen hier auf der Erde beschäftigen, den Schnee abschütteln. Keine Erlösung, kein friedliches Ende, man ist einfach immer noch da. Und das ist scheiße!«

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Mut im Abschlusskonzert

Ein ähnliches Gefühl möchte Kristjánsson mit Winterreise perpetuum auch im Publikum wecken: »Die Leute gehen ins Konzert und erzählen nachher: ›Ach, es war so toll.‹ ›Und was gab’s?‹ ›Jonas Kaufmann.‹ ›Und was hat er gesungen?‹ ›Keine Ahnung, es war Jonas Kaufmann.‹ Die Musik spielt keine Rolle und das finde ich schade. Ich glaube, das ist keine Entwicklung, das war immer so, dass die Ausführenden für ein gewisses Publikum viel wichtiger sind als die Musik. Deswegen finde ich es schön, dass man durch diesen Prozess gezwungen ist, eine andere Sichtweise auf die Winterreise zu kriegen. Die Leute, die dachten, sie dürften klatschen, und die nicht klatschen durften, gehen frustriert nach Hause: Was soll der Quatsch? Aber: Der Zyklus endet mit einem Fragezeichen. Es gibt keine Erlösung. Es gibt nicht ›gute Ruh, gute Ruh, tu die Augen zu‹, wie in der Schönen Müllerin.« 

Tenor Benedikt Kristjánsson singt beim @Beethovenfest Schuberts ›Winterreise‹ 20 Mal hintereinander, fast ohne Pause. Was macht das mit der Dramaturgie und dem Publikum? In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Spannend wäre die Reaktion uneingeweihter zufälliger Hörer:innen auf Kristjánssons Wanderung durch Bonn gewesen, vor allem von solchen, die die Winterreise noch nicht kennen. Gerade weil dieser Tenor so eindringlich und gleichzeitig wenig affektiert und sehr gut verständlich singt, könnten die Lieder auch für Passant:innen und im Vorbeigehen berührend und fesselnd sein. Und auch, wenn der Sänger ignoriert oder als Störung empfunden würde, wäre das dem Inhalt der Winterreise angemessen.

Kristjánsson kann sich eine Wiederholung des Projekts durchaus vorstellen, allerdings keine ganzen 24 Stunden lang: »Man kann natürlich alles immer extremer machen. Man kann auch 48 Stunden singen oder 72. Aber das macht keinen Sinn. Wenn ich das für 10 Stunden machen würde am Wochenende und vielleicht um 18 Uhr anfangen, dann wäre ich um 4 Uhr fertig. Also gäbe es die Hoffnung, dass vielleicht zehn Leute den Schluss sehen, eine Art Erlösung erleben könnten.« Zu Ende wäre die Reise dann um Punkt 4 Uhr, egal wo im Zyklus man sich gerade befände. »Nicht Leiermann. Einfach Schluss, wo ich gerade bin. Dann gäbe es eine falsche Erlösung, das finde ich schön.« ¶

Merle Krafeld

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Seit 2014 studiert sie Schulmusik und Geschichte und spielt Geige in Laien-Ensembles und einer Punk-Band. Außerdem ist sie Redakteurin bei VAN. merle@van-verlag.com