Ein Interview mit Alina Ibragimova

Text · Titelbild Eva Vermandel · Datum 6.9.2017

»Vielleicht ist Tiefe das Wort«, antwortet Alina Ibragimova auf die Frage nach dem Klang des Chiaroscuro-Quartetts, ihrer seit 12 Jahren bestehenden, historisch informierten Kammermusik-Formation. Eine Zeit des Schweigens geht der Antwort voraus, die mit Unsicherheit nichts zu tun hat. Wie sie die Programme auswählen? »Wir machen, worauf wir Lust haben. Und wofür die Zeit reif ist.« Am Vortag unseres Interviews in den letzten Augusttagen haben sie beim Musikfest Bremen gespielt, dort hatten sie Lust auf Beethovens cis-Moll-Quartett op.131 und Schumanns Klavierquintett Es-Dur op.44. Und natürlich war die Zeit reif. Was technische Perfektion und künstlerischen Freisinn, eine auf unaufgeregte Art ausgewogene Balance von Kopf und Seele betrifft, lassen Konzerte mit Alina Ibragimova keinen Zweifel bestehen; egal ob sie im Quartett, mit ihrem Klavier-Partner oder als Solistin bei den BBC Proms auftritt. Ihrem Spiel nach könnte ihr Name viel greller am Firmament der Aufmerksamkeit glühen. Doch an Welteroberungsphantasien – die Londoner Times assistierte ihr und ihrem Duo-Partner Tiberghien schon 2007 das »potential to conquer the world« – scheint ihr wenig zu liegen. Lieber taucht sie in die Tiefe, versteckt auch ihre dunkle Seite nicht. Werken widmet sie sich am liebsten in Zyklen, um sie ganz zu durchdringen. Wir treffen uns im Rahmen des Musikfests Bremen, im sonnigen Innenhof des Atlantik-Hotels. Sie kommt ungeschminkt und so spricht sie auch. Vor gut einem Jahr haben wir uns in Hamburg schon einmal lange unterhalten, auch damals gab es in ihren Antworten mit deutlichem russischen Akzent kein Wort zuviel. Heute wirkt sie noch unvermittelter. Da ist kein künstlicher Glamour in ihrem Wesen, in ihren Worten – so wie sie beim Spielen Vibrato nur einsetzt, um etwas Besonderes hervorzuheben, nicht um etwas zu verstecken. Ihre Erscheinung ist wie ihr Spiel auf starke und reibungsvolle Art rein. Womit wir bei Darmsaiten wären …

VAN: MIT CHIAROSCURO SPIELT IHR SEIT DER GRÜNDUNG VOR 12 JAHREN AUF DARMSAITEN. WAS FINDEST DU IN IHREM KLANG, WAS DIR STAHLSAITEN NICHT GEBEN KÖNNEN?

Alina Ibragimova: Viel mehr Sensitivität – sie antworten. Bei Stahlsaiten habe ich immer das Gefühl, es liegt ein Film auf ihnen, der sie schöner klingen lässt, wie ein klebriger Überzug. Bei Darmsaiten kriegst Du etwas Raueres, Pureres, auch wenn sie natürlich schwerer zu spielen sind und eine gewisse Weichheit fehlt. Die Farben sind erdiger, du bekommst mehr Resonanz, der Druck ist geringer und es entsteht mehr Vielfalt. Auch wenn wir sie manchmal verfluchen, weil sie sich verstimmen oder kratzen.

Chiaroscuro Quartet • Foto Agnese Blaubarde

GEHÖRT FÜR DICH DAS KRATZEN, JA VIELLEICHT SOGAR DAS HÄSSLICHE, ZUM ›SCHÖNEN‹ KLANG DAZU?

Ich denke nicht, dass wir nach Schönheit streben sollten. Wir müssen Hässlichkeit nicht schön machen, sie kann bleiben, wie sie ist! (lacht) Es ist ja nichts falsch mit ihr. Natürlich liebe ich auch Schönheit, aber ich liebe sie im Kontrast zu etwas Anderem. Wenn wir nur mit schönen Dingen zu tun hätten, wäre das außerdem unfair, dem Hässlichen gegenüber.

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»Sie bringt Passagen komplett ohne Vibrato, und durch diesen fahlen Ton kommt eine sehr dunkle Seite dazu, das finde ich interessant. Man lernt Neues dabei, Ideen, die man vorher nicht gekannt hat«, sagt Geigerin Mirijam Contzen über diese Aufnahme der vierten Sonate aus Eugène Ysaÿes op. 27 mit Alina Ibragimova im VAN-Aufnahmenvergleich.

WIE IST DAS IM KONZERT, WANN ENTSTEHT ETWAS, DAS DU ALS SCHÖN, HÄSSLICH ODER ANDERS BESONDERS EMPFINDEST?

Letztlich geht es um die Dinge, die wir neu entdecken, die Eroberungen. Das passiert auf verschiedenen Ebenen der Interaktion. Eine Art gegenseitiges Verstehen, zwischen allen: dem Publikum, der Bühne, den Luftpartikeln – was auch immer! Für mich hat das alles mit Reaktionen zu tun, zwischen den Spielenden, mir selbst, mit meinem Instrument, dem Raum…

Nächste Chance auf Interaktionen, Reaktionen und Eroberungen mit Alina Ibragimova: Am 29. September und am 3. Oktober spielt sie mit dem DSO in Berlin – einmal im Kraftwerk, einmal in der Philharmonie, einmal Bach, einmal Widmann.

ENTSTEHT MANCHMAL AUCH GAR NICHTS BESONDERES?

Ja, manchmal passiert auch nichts. Oder zumindest passiert es auf unterschiedliche Arten. Natürlich gibt es Konzerte, bei denen ich müde bin, und nicht mehr kann. Manchmal fühle ich mich nicht gut und komme in eine Art Autopiloten-Modus, das ist immer sehr deprimierend. Es passiert nicht oft, aber natürlich gibt es solche Tage.

GIBT ES BESTIMMTE UMSTÄNDE, UNTER DENEN DIESER ZUSTAND ÖFTER EINTRITT?

Wenn sich die Konzerte aneinanderreihen und Du fühlst, dass Du leer wirst, und die Zeit fehlt, wieder aufzutanken. Auch zu viele Gedanken, Paranoia können dazu führen. Es ist sowieso immer der Geist, der dich austrickst, die Dinge verändert… In der ganzen musikalischen Arbeit geht es letztlich um diese Balance zwischen Denken und Impulsen, das ist die eigentliche Kunst, das klar zu kriegen. Diese gegensätzlichen Kräfte im Kopf auszugleichen. Manchmal sind sie einfach etwas verzerrt.

IST DAS IM QUARTETT, MIT MENSCHEN, DIE DU SEIT 12 JAHREN SEHR GUT KENNST, BESONDERS SCHWER ODER EBEN LEICHTER?

Das Quartett ist wie eine Familie, wir sind uns wahnsinnig nah. Natürlich beeinflussen wir unseren Geist dadurch auf sehr intensive Art, wir stehen einfach in Verbindung zueinander. Wir kritisieren uns direkt, ohne Umschweife. Es gibt keine soziale Grenze oder so. Du bist komplett nackt. Das ist auch das Wundervolle, weil es dir ermöglicht, sehr viel zu lernen. Wir kennen uns so gut, dass wir die Stimmen der anderen spielen könnten, proben sehr viel und gehen wirklich in die Tiefe. Egal was passiert, sind wir füreinander da. Natürlich ist es auch schwierig manchmal, die Intonation ist sehr transparent im Quartett, wir spielen sehr schwieriges Repertoire – wie den Beethoven 131 gestern – da ist es nicht einfach, sich gut zu fühlen. Aber das ist wahrscheinlich auch nicht das Ziel.

IHR SEID EIN RUSSISCH-SPANISCH-FRANZÖSICH-SCHWEDISCHES QUARTETT. WIE MACHT SICH DIESE INTERNATIONALITÄT IN DER MUSIKALISCHEN ARBEIT BEMERKBAR?

Ja, wir kommen aus sehr unterschiedlichen musikalischen Richtungen und Kulturen. Die Arbeit wird dadurch definitiv reicher, gehaltvoller – wir kommen mit unseren unterschiedliche Mindsets und Arten zu denken. Es ist jetzt sehr einfach gesagt, aber durch meine russische, eigentlich tatarische Herkunft fühle ich mich, glaube ich, sehr stark zum Dunklen hingezogen. Ich suche nach starken und tiefen statt nach schönen Gefühlen. Ich denke, das hat viel mit dem zu tun, was ich gesehen habe, was meine Großeltern gesehen haben. Zu einem gewissen Grad ist es auch eine Frage musikalischer Erziehung und Schulen; natürlich habe ich eine gewisse Technik und bestimmte Gewohnheiten, aber am Ende des Tages kommt das heraus, was wir in uns haben. Wie dich das Leben geprägt hat, das hat mit Musik nichts zu tun. Sondern mit deiner Seele, der Menschlichkeit oder was auch immer wir in uns haben…

Das Chiaroscuro Quartet und Kristian Bezuidenhout spielen Mozarts Klavierkonzert No. 12 KV 414


MIT 10 JAHREN BIST DU MIT DEINEN ELTERN, DIE EBENFALLS MUSIKER WAREN, NACH LONDON GEZOGEN. WORAN DENKST DU ALS ERSTES, WENN DU AN DEINE TATARISCHE HEIMAT DENKST?

An das kleine Dorf, aus dem meine Großeltern kommen, das Haus, das mein Großvater gebaut hat, direkt am Wald. Am meisten fehlt mir das Essen! Schweres Zeug, vor allem das Gebäck… Die Region ist ja weit im Osten Russland, die Sprache ist eine andere, kulturell ist es ein Melting Pot. Es ist eine ganz eigene, andere Welt.

BIST DU AUF DEM LAUFENDEN, WAS DIE RUSSISCHE POLITIK BETRIFFT?

Ja, ich bekomme natürlich wie alle in etwa mit, was passiert. Aber ich bin kein politischer Mensch. Ich habe das Gefühl, nicht genug zu wissen, um wirklich eine starke Meinung zu haben. Ich meine, wir wissen alle, wie Menschen leiden. Aber nichts im Leben ist einfach, man kann es immer aus verschiedenen Perspektiven sehen. Am Ende sind wir ja alle Menschen und machen Fehler, wir handeln unseren Impulsen nach, es ist komplex. Deshalb finde ich es sehr schwer zu sagen: ›So sollte die Welt handeln, so nicht.‹ Ich meine: Wer bin ich? Ich denke wir sollten offen sein und, so oft es geht, bewusst versuchen uns in andere hineinzuversetzen. Das sollte unser Ziel sein. Auch im Spiel suche ich nach etwas, mit dem ich mitfühlen kann. Natürlich gehören tiefe und deprimierende Dinge dazu, die in der Welt passieren. Ich fühle auf gewisse Weise mit ihnen und drücke das beim Spielen aus.

Foto Agnese Blaubarde

DU SPIELST MIT DEN GRÖSSTEN ORCHESTERN, SPOTIFY LISTET DICH ALS EINE DER ›GREAT RUSSIAN VIOLINISTS‹. ÜBERHAUPT STÜNDEN DIE CHANCEN GUT, NICHT NUR DIE EXPERTEN-, SONDERN AUCH DIE GLAMOUR-WELT-SPITZE ZU ERREICHEN. IST ES DIR WICHTIG, DIE MUSIKLANDSCHAFT ZU PRÄGEN, ETWAS ZU HINTERLASSEN?

Etwas zu hinterlassen hängt mit der Vergangenheit zusammen, und ich denke wir sollten immer versuchen, im Jetzt zu leben. Ich finde in der Glamour-Klassikwelt viele oberflächliche Ansätze, die mich einfach nicht interessieren. Ich freue mich, mit großartigen und netten Musikern spielen zu dürfen. Darum geht es mir am Ende des Tages. Die Welt zu erobern gehört nicht zu meinen Prioritäten. (lacht)

WIE TRIFFST DU DEINE ENTSCHEIDUNGEN, FÜR ODER GEGEN EIN PROJEKT?

Je weiter du kommst, desto mehr willst du alle Projekte spielen, die dir angeboten werden. Da wird es dann natürlich kompliziert. Ein großartiges Orchester dem anderen vorzuziehen, das ist manchmal sehr schwer. Ich passe mittlerweile besser auf, auch Freizeit einzuplanen. Früher haben mir meine Eltern sehr dabei geholfen – und ich hatte von Anfang an einen tollen Agenten. Sie haben immer sehr darauf geachtet, dass ich nichts gemacht habe, für das ich noch nicht reif oder bereit war. Dass es nicht zu schnell ging. Und jetzt mache ich, was sich für mich richtig anfühlt. Das hat selten etwas mit Karriere-Denken zu tun. Es geht einfach darum, was ich spielen will und mit wem.

CÉDRIC TIBERGHIEN GEHÖRT ZU DEN MENSCHEN, MIT DENEN DU GERNE SPIELST. SEIT 12 JAHREN IST ER DEIN DUO-PARTNER, GERADE HABT IHR ALLE MOZART-SONATEN GEMEINSAM EINGESPIELT…

Ja, das war toll. Wir haben 5 Doppel-CDs mit Mozart-Sonaten aufgenommen, die vierte Box kommt jetzt im September raus. Wir haben es geliebt, sie alle zu spielen, von den sehr frühen Sonaten, die kaum jemand kennt, zu den späten. Wir haben so viele kleine Details entdeckt, kennen Mozarts musikalische Sprache jetzt sehr genau, vom 8-jährigen Jungen an. Sie ist sehr kreativ, spielerisch mit Details, mit Texturen. Das wunderbare mit Cédric ist, dass wir uns komplett vertrauen. Es gibt keine Fehler. Wir versuchen nicht mehr, eins zu werden im Spiel, sondern es läuft mittlerweile parallel, wir ziehen uns auf, finden wieder zusammen… Das ist toll.

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Alina Ibragimova und Céderic Tiberghien spielen das Adagio espressivo aus Beethovens Violinsonate No. 10 Op. 96

HAST DU MANCHMAL DAS GEFÜHL, DAS SPRACHE VERSAGT, WENN ES UM MUSIK GEHT?

Ständig. Ich finde es generell ziemlich schwierig, über Musik zu sprechen. Wenn mich jemand danach fragt, ein Werk zu beschreiben, kann ich ein paar oberflächliche Begriffe finden, aber sie kommen dem Stück nie sehr nah.

UND ANDERSRUM GEFRAGT: PRÄGT MUSIK DEINE ART, ZU DENKEN?

Ja, ich glaube, das Musik sehr viel mit Meditation gemein hat. Der geistige Zustand, in den du kommst, wenn du Musik machst, oder Musik hörst, kann meditativ sein, sogar eine Art Trance. Eine eigene Denk-Blase entsteht, die den Geist dazu antreibt, in Richtungen zu gehen, die du sonst vielleicht nie verfolgen würdest. Wie in der Meditation kannst du das nicht erzwingen, das muss von selbst passieren.

WENN DU DIR DIE KLASSISCHE MUSIKLANDSCHAFT SO ANSCHAUST, GIBT ES ETWAS, DASS DU SELTSAM FINDEST?

Am Seltsamsten finde ich, dass wir immer noch eine verächtliche Einstellung gegenüber zeitgenössischer Musik haben, eigentlich allem gegenüber, was nicht vor dem letzten Jahrhundert geschrieben wurde. Wenn ein Veranstalter ein Programm mit Bartók ablehnt, weil es für das Publikum nicht gut sei: Das ist für mich die seltsamste Erfahrung überhaupt. Das wird mein kleiner guter Vorsatz, dass ich da etwas erbarmungsloser werde. Nächstes Mal, wenn ich Bartók spielen will und mich jemand fragt: ›Oh, kannst Du bitte eine Alternative vorschlagen‹, dann werde ich ›Nein‹ sagen. Es gibt natürlich viele wunderbare Neue Musik-Festivals, aber oft bleiben sie in einer Blase. In einem durchschnittlichen Konzerthaus, egal ob in England oder in Deutschland, ist es sehr schwierig, das Programm zu spielen, das du wirklich spielen willst. Jedes Mal, wenn ich ein zeitgenössisches Werk vorschlage, erwarte ich diese Reaktion. Das gleiche gilt übrigens für weniger bekannte, frühe Werke. Ich denke, da werden wir etwas dran arbeiten müssen. Wir müssen die Musik dann wohl einem anderen Publikum verkaufen. Oder das bestehende Publikum dazu einladen, es zu lieben. Was sie tun werden!

Artikel jetzt twittern: »Ich bin sehr glücklich mit meiner Situation.« Alina Ibragimova in @vanmusik. Endlich mal jemand, der nicht motzt.

BEI WELCHER KOMPONISTIN ODER WELCHEM KOMPONISTEN WÜRDEST DU GERNE  EIN WERK IN AUFTRAG GEBEN?

Oh da gibt es viele. Bei dem älteren Mahler, der hätte mal ein Violinkonzert schreiben können. Ansonsten freue ich mich, bald das Violinkonzert von Widmann zu spielen, das für Christian Tetzlaff geschrieben wurde, meinen Lehrer. Ich finde es überhaupt gut, wenn zeitgenössische Werke auch nach der Uraufführung noch öfter gespielt werden und nicht in der Schublade verschwinden. Noch so etwas Seltsames.

UND HAST DU NEBEN DEINEM GUTEN VORSATZ NOCH ANDERE PLÄNE FÜR VERÄNDERUNGEN?

Nein, nichts Besonderes. Vor 12 Jahren sind viele großartige Dinge passiert. Ich habe meine Geige gefunden, das Quartett gegründet, Cédric kennengelernt. Ich bin sehr glücklich mit meiner Situation und will einfach so weitermachen. Spielen, Musik machen. ¶